Das Wasserfuhr-Quartett überzeugte im Theaterstübchen mit Spielkunst

Magenputzer für den Jazz

Gehen auch Popsongs jazzig an: Roman (links) und Julian Wasserfuhr gastierten im Theaterstübchen. Foto: Schachtschneider

Kassel. Nach dem zweiten Fernet Branca, den sich der Jazztrompeter Julian Wasserfuhr hinter die Binde kippte, musste man sich schon ein paar Sorgen um ihn machen. Reicht die Konzentration noch? Oder haut es den 24-jährigen Jungstar von der Bühne? Nein, alles kein Problem.

Julian Wasserfuhr würde auch noch gut klingen, wenn er spieltechnisch auf Autopilot schalten müsste. Eigentlich diente die dezente Promillezufuhr ja nur zur Anmoderation der Komposition „Branca“, die sich in der Vertonung verschwommener Sichtweisen als äußerst treffend erwies.

Wie fast alle Songs des Wasserfuhr-Quartetts im voll besetzten Theaterstübchen für reichlich Assoziationen sorgten. „Song for E.“ gleicht einer lautlosen Zugfahrt durch schneebedeckte Täler, und mit „Twinkle Eyes“ blickt man aus dem Fenster eines Kinderzimmers auf vernebelte Felder. Bei „Ramos Us“ dient eine klassische, an Bach angelehnte Bassfigur als Wirbelsäule, und mit „Blue Desert“ wird die Autofahrt über die Öresundbrücke zu einem coolen Roadtrip.

Die programmatische Orientierung bei ihrer aktuellen CD „Gravity“ entstand unter dem Einfluss nordeuropäischer Klangdialektik. Lediglich die solistischen Beiträge füllte man mit Berklee Bebop und Modern Jazz. Ansonsten ließ man die Stilistiken der Avantgarde links liegen. Man widmete sich lieber der kommerziell einträglicheren Bearbeitung von Popklassikern wie „Englishman in New York“ (Sting) oder „L.O.V.E“ (Bert Kaempfert) und handelte sich damit den Vorwurf ein, Till Brönner in die Hölle des Zirkus-Jazz zu folgen.

Dass die Wasserfuhr-Brüder Roman (Piano) und Julian (Trompete) mit dem Kontrabassisten Benjamin Garcia und dem Schlagzeuger Oliver Rehmann ein hörenswertes Quartett abgeben, steht außer Frage. Ob sie irgendwann im Lounge-Regal der Konsumenten verschwinden oder sich mit einem eigenen Profil am Jazzmarkt behaupten, wird sich zeigen. Im Theaterstübchen jedenfalls sorgten Spielkunst und Arrangements für große Begeisterung.

Von Andreas Köthe

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