Dem genialen Naiven Henri Rousseau ist in Riehen bei Basel eine faszinierende Ausstellung gewidmet

Die Magie des Dschungels

Blutrünstig und surreal: Henri Rousseaus „Der hungrige Löwe wirft sich auf die Antilope“. Fotos: nh

Riehen. Die Gemälde Henri Rousseaus (1844-1910) wurden einst im Schreibwarenladen seiner Frau und auf dem Trödelmarkt verscherbelt. Heute gehören sie zu den wertvollsten Schätzen bedeutender Museen in aller Welt. 40 seiner schönsten Bilder vereint eine Ausstellung der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel.

Viele Jahre arbeitete Rousseau als Angestellter beim Pariser Lebensmittelzoll und betätigte sich als Hobbymaler. Dann entschloss er sich, in Frührente zu gehen. Fortan bezeichnete er sich als „Kunstmaler“. Der belächelte oder von gönnerhaften Kunstkritikern als „köstlich naiv“ gelobte Rousseau pflegte einen eigenwilligen Malstil. Die Porträtierten erkannten sich auf den Gemälden kaum wieder. Oft hat ihnen Rousseau so extrem schlecht getroffene Katzen oder Hunde zugesellt, dass es schon wieder genial ist.

Das Gemälde „Der Wagen des Vaters Junier“ (1908) etwa zeigt den Maler und die Familie Junier beim Sonntagsausflug in einer Kutsche. Auf dem Schoß einer der Frauen sitzt ein unheimliches graues Wesen, das gehörnt zu sein scheint und uns die Zunge herausstreckt. Ist es der Teufel - oder nur ein hechelnder Hund mit aufgestellten Ohren?

Derlei Merkwürdigkeiten tragen wesentlich zur Faszination der Gemälde bei. Warum nur stützt sich die würdevolle, fast lebensgroß dargestellte junge Frau auf einen umgedrehten Zweig mit verwelkten Blättern? Picasso beeindruckte dieses „Porträt einer Frau“ (1895) so sehr, dass er es 1908 bei einem Trödler für fünf Francs erstand und bis zu seinem Lebensende 1973 in Ehren hielt.

Überwältigender Höhepunkt der Schau sind die großformatigen Dschungelbilder des von Picasso und anderen jungen Avantgardisten „der Zöllner“ genannten Rousseau. Mit ihnen hatte er in seinen letzten Lebensjahren großen öffentlichen Erfolg. Im Gemälde „Der hungrige Löwe wirft sich auf die Antilope“ (1905) etwa spielt sich bei Sonnenuntergang eine blutrünstige, surreal wirkende Szene ab. Wie von einem Schlaglicht erhellt, reißt im Bildzentrum der Löwe seine Beute, die darüber eine Träne vergießt. Richtig unheimlich geht es drumherum im Halbdunkel der üppigen Vegetation zu. Was nähert sich da von links? Vom Blattwerk teilweise verdeckt, tritt ein zotteliger Riesenaffe heran, dessen Maul vogelschnabelartig vorspringt.

Das allerbeste Gemälde jedoch beschwört eine Atempause im Daseinskampf. Von der schwarzen „Schlangenbeschwörerin“ (1907) bei Vollmond geht eine unwiderstehliche Magie aus. Zur Befriedung der Wildnis spielt sie Flöte. Im Geäst hebt eine Riesenschlange den Kopf. Die schlauchartigen Uferpflanzen scheinen sich im Takt der Melodie schlangengleich zu wiegen. Am meisten berührt der Anblick der Schlangenbeschwörerin selbst. Denn bei längerem Hinsehen wandelt sich deren Silhouette zum üppig gerundeten nackten Körper. Ihre Augen beginnen zu leuchten und lassen uns nicht mehr los.

Bis 9. Mai. Informationen: Tel: +41(0)61 6459700, www.beyeler.com. Der Katalog (Hatje Cantz Verlag) kostet in der Ausstellung 64 CHF, im Buchhandel 39,80 Euro

Von Veit-Mario Thiede

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