Magie der Sprache: Sasa Stanisic las witzig und souverän in Kassel

Sasa Stanisic Foto: von Busse

Kassel. Selten sind Lesungen so witzig und tiefgründig gleichermaßen, Autoren so schlagfertig und souverän wie Sasa Stanisic Donnerstagabend im Stadtteilzentrum im Vorderen Westen: ein toller Auftritt.

Die Veranstalter vom Literaturhaus Nordhessen hatten eine Geschichte aus Stanisics Kurzgeschichten-Band „Fallensteller“ gewünscht, „die sonst nie genannt wird, von niemandem“, wie der 38-Jährige erstaunt feststellte: „Heute zwinge ich Sie mal zuzuhören.“

Es folgte eine Erzählung, kunstvoll gebaut, präzise, selbst voller Magie, in der ein alter Mann, lebenslang nur talentiert, „egal zu sein“, endlich seinen Traum vom Zaubern verwirklicht. Stanisic skizziert vor allem das Verhältnis zum 14-jährigen Großneffen anrührend und voller Feingefühl.

Moderatorin Prof. Dr. Karen Joisten (Uni Kassel) fiel es schwer, zum Gespräch überzuleiten, weil sie – ebenso wie die fast 100 Besucher – so begeistert zuhörte. Sie fürchtete, die Stimmung zu zerreden. Stanisic gab aber offen, unterhaltsam Auskunft, erzählte von seiner Skepsis gegenüber der Belletristik, vom Wunsch, jeden Einfall, jede Erfindung auf Plausibilität zu überprüfen, und andererseits vom Vertrauen in die Bedeutung der Sprache, in die Kraft der Wörter.

Sich selbst bindet Stanisic schon mal als Figur in seine Fiktion ein. Als „verweichlichter Jugo“ taucht der aus Bosnien stammende Schriftsteller in einer Erzählung auf, deren Beginn er ebenfalls las. Stanisic schildert, was sein mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichneter Roman „Vor dem Fest“ „in der Wirklichkeit angerichtet hat“: Inzwischen besuchen Busgruppen das Dorf Fürstenwerder, Vorbild des fiktiven Fürstenfelde im Buch.

So kam die Rede auf die Reihe „Fremd?!“, in der Stanisic in Kassel zu Gast war. „Es war die Hölle“, beschrieb er die Fremdheit in der Uckermark, das Gefühl, nicht dazuzugehören. Er habe sich den Landstrich aber vier Jahre vertraut gemacht, „unfassbar viel gelernt“, und es war „eine super Erfahrung“.

Am 25. September holt Stanisic mit dem Rheingau-Literaturpreis 11 111 Euro Preisgeld und 111 Flaschen Riesling ab. „Dürfen wir helfen?“, rief jemand. Man könnte sich gut vorstellen, die eine oder andere Flasche mit ihm zu leeren.

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