Die Albertina in Wien widmet documenta-Künstler William Kentridge eine grandiose Werkschau

Der Magier der bewegten Bilder

Filmen mit Kohlestift: William Kentridges Projektzeichnung „Reclining Woman”, „ohne Titel“, 2001 (Ausschnitt). Fotos:  Albertina

Wien. Er war auf zwei documenta-Ausstellungen vertreten, ist soeben mit dem renommierten Kyoto-Preis geehrt worden und hat seiner Heimatstadt Johannesburg einen festen Platz auf der Weltkarte der bildenden Kunst gesichert. Jetzt widmet die Albertina in Wien dem Zeichner, Animationsfilmer, Regisseur und Performer William Kentridge eine alle Phasen und Facetten seines Schaffens repräsentierende Werkschau.

Michelangelo, Picasso, Kentridge. Alle drei derzeit in der Albertina präsent. Eine sinnträchtige, von Kentridge goutierte Kombination. Mit den Zeichnungen und Skizzen des großen Renaissancekünstlers verbindet ihn die Vorliebe fürs Fragmentarische, Flüchtige, mit Picasso das Anprangern vergangenen wie gegenwärtigen politischen Unrechts.

„Fünf Themen“ heißt die von Mark Rosenthal kuratierte Ausstellung. „Der Künstler im Atelier“ zeigt in einer siebenteiligen Videoinstallation Kentridges Technik des „steinzeitlichen Filmemachens“: Er entwirft mit Kohlestift ein Bild, filmt es, radiert aus, überzeichnet, filmt wieder - so kommen die Bilder ins Laufen, entwickeln sich weiter, tragen aber immer auch die Spuren des Vergangenen mit sich.

Was einmal getan wurde, kann nicht zurückgenommen werden - auch in dieser vordergründig verspielten Arbeit, in der der Künstler mit seinen Zeichnungen in Dialog tritt, konfrontiert er uns mit seinem Generalthema „Schatten der Vergangenheit“. Zwei Themenräume zeigen Installationen, die Kentridge aus Opern-Regiearbeiten entwickelt hat.

„Die Nase“ von Dmitri Schostakowitsch, im März an der Metropolitan Opera New York erstaufgeführt, und Mozarts „Zauberflöte“, eine Produktion für das Brüsseler Théatre Royal de la Monnaie (2005). Erstere, eine Mischung aus Animations- und Realfilmfetzen, ist eine nachdenkliche Hommage an die russische Avantgarde und ihre Zerstörung, letztere ein dramatisches Tryptichon aus Maschinentheater, Projektionen und Musik, in dem Kentridge sich Sarastros Monopolanspruch auf die Weisheit kritisch nähert und Parallelen zum Prozess der Kolonialisierung findet. Eine Arbeit von aktueller Brisanz und hinreißender Poesie zugleich.

Der neunteilige Filmzyklus „Soho und Felix“ begründete Kentridges Ruhm; documenta-Kennern ist er in Teilen vertraut. Felix, das melancholische Alter Ego des Künstlers, und Soho, der herrschsüchtige Industrielle - zwei Existenzen, die sich, jeder auf seine Weise, durch das letzte Jahrzehnt südafrikanischer Apartheidspolitik lavieren.

Schließlich lässt der Magier der Slow Motion König Ubu, Alfred Jarrys durchgeknallt korrupten Despoten, in der Wahrheitskommission auftreten, welche die Verbrechen der Apartheid aufklärte. „Aus südafrikanischer Sicht ist Ubu eine besonders starke Metapher für den Irrsinn der Apartheidpolitik, die vom Staat als vernünftiges System hingestellt wird.“

Der Satz stammt von Carolyn Christov-Bakargiev, Leiterin der documenta 13. Kentridge gehört zum Kreis ihrer bevorzugten Künstler. Es sollte nicht verwundern, stünde er ein drittes Mal auf der documenta-Liste - es wäre, resumiert man diese Ausstellung, höchst erfreulich.

Bis 30. Januar, täglich 10-18 Uhr, Mi 10-21 Uhr. www.albertina.at, Katalog: 29 Euro.

Von Verena Joos

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