Der Magier ist verstummt: Zum Tode des Literaturnobelpreisträgers Gabriel García Márquez

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Die Stimme Lateinamerikas: Literaturnobelpreisträger Gabriel Garcia Márquez (1994).

Über 100 Jahre und sechs Generationen hinweg erzählt Gabriel García Márquez in seinem berühmtesten Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“ die Geschichte der Familie Buendía, die irgendwo im kolumbianischen Urwald das fiktive Dorf Macondo gründet. Am Ende wird das Dorf gemäß einer Prophezeiung zerstört, und der letzte Nachfahre des Gründers ist tot.

Doch was García Márquez in dieser Geschichte eingefangen hat an Lebenswillen und Leidenschaft, auch an Agonie, an Schuld und Verstrickung, an Ausbeutung und Gewalt, das wurde auf der ganzen Welt nicht nur als Geschichte eines Dorfes gelesen, sondern als Porträt eines ganzen Kontinents - Südamerika.

Das dürfte den Literaturnobepreisträger von 1982, der am Donnerstag in Mexiko-Stadt im Alter von 87 Jahren starb, auch deshalb gefreut haben, weil er sich stets mehr als Journalist und Geschichtenerzähler verstanden hat denn als literarischer Künstler. Dabei kreierte gerade er, der in seiner Heimat liebevoll Gabo genannt wurde, jenen besonderen Erzählstil, der realistische Detailgenauigkeit mit fantastischen und übersinnlichen Elementen würzt und als „magischer Realismus“ viele Nachahmer fand.

García Márquez, der 1927 als ältestes von 16 Kindern in der kolumbianischen Kleinstadt Aracataca geboren wurde, arbeitete nach einem abgebrochenen Jurastudium zunächst für verschiedene Zeitungen. Sein erster Roman „Laubsturm“ erschien 1955. Zum literarischen Schreiben ermunterte ihn seine Ehefrau Mercedes, mit der er zwei Söhne hatte.

Neben dem Welterfolg „Hundert Jahre Einsamkeit“ haben vor allem zwei erfolgreich verfilmte Romane seinen Ruhm in die Welt getragen: „Chronik eines angekündigten Todes“ und „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“, die Geschichte einer lebenslangen schwierigen Liebesbeziehung.

García Márquez wirkte in Südamerika ebenso sehr wie als Autor durch sein politisches Engagement. Seit Ende der 1950er-Jahre war der bekennende Sozialist mit dem kubanischen Revolutionsführer Fidel Castro befreundet - was zum Zerwürfnis mit dem Schriftstellerkollegen Mario Vargas Llosa führte. Konkret engagierte sich Márquez gegen die chilenischen Pinochet-Diktatur und für die Opfer der kolumbianischen Drogenmafia.

In den letzten Jahren, seit er an einer Krebserkrankung und zuletzt auch an Demenz litt, verstummte García Márquez. Mit seinen Büchern aber bleibt er eine der wichtigsten literarischen Stimmen des 20. Jahrhunderts - und der spanischsprachigen Welt insgesamt.

Wichtige Werke

• Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt (1961)

• Hundert Jahre Einsamkeit (1967)

• Der Herbst des Patriarchen (1975)

• Chronik eines angekündigten Todes (1981)

• Die Liebe in den Zeiten der Cholera (1985)

• Von der Liebe und anderen Dämonen (1994)

• Leben, um davon zu erzählen (Autobiografie, 2002)

• Erinnerung an meine traurigen Huren (2004)

Von Werner Fritsch

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