Forscherin Jane Goodall über den Film „Schimpansen“

Tiere sind auch nur Menschen: Schimpanse Freddy kümmert sich um den kleinen verwaisten Oscar. Foto: Disney

Es ist eine unglaubliche Geschichte, die der Disney-Film „Schimpansen“ ab Donnerstag im Kino erzählt: Der Affenjunge Oscar kämpft im afrikanischen Regenwald allein ums Überleben und wird schließlich von einem Schimpansen adoptiert.

Wir sprachen mit der legendären britischen Verhaltensforscherin Jane Goodall, die die Regisseure Alastair Fothergill und Mark Linfield beraten hat.

Wenn man sich „Schimpansen“ anschaut, fragt man sich: Wie haben es die Filmemacher geschafft, so nahe an die Tiere heranzukommen?

Jane Goodall: Diese Schimpansen wurden vom Leipziger Primatenforscher Christophe Boesch und seinem Team über viele Jahre hinweg beobachtet. Dadurch waren die Schimpansen an die Menschen gewohnt.

Der Film zeigt die Geschichte eines Schimpansenjungen, dessen Mutter getötet wird und um den sich dann das Leittier des Rudels kümmert. Wie außergewöhnlich ist dieses Adoptionsverhalten?

Goodall: Das Filmteam wollte ja ursprünglich nur zeigen, wie ein Schimpansenkind aufwächst. Als dann die Mutter umkam, dachten sie schon, das Projekt sei gestorben, aber dann kam es zu dieser Adoption. Es gibt unter Schimpansen immer wieder Adoptionen, aber es ist sehr ungewöhnlich, dass das Alpha-Männchen ein dreijähriges Schimpansenkind aufnimmt. Aber das ist eben das Magische an Schimpansen: Man weiß bei diesen Tieren nie, was sie als Nächstes tun.

Hätte das Schimpansenkind auch von Menschen aufgezogen werden können?

Goodall: Ein Schimpanse, der von Menschen aufgezogen wird, hat in der Natur keine Zukunft. Bei Affenwaisen hofft man immer, dass die Natur das selbst regelt. In dem Gebiet, in dem meine Organisation arbeitet, helfen wir den Schimpansen, wenn sie krank sind, aber darüber hinaus greifen wir nicht ein.

Wie nah sind Sie in Ihren Forschungen an die Schimpansen herangekommen?

Goodall: Heute halten wir eine bestimmte Distanz zu den Tieren ein, um sie nicht mit unseren Krankheiten anzustecken. Aber früher hatte ich noch direkten Kontakt mit den Schimpansen. Der schönste Moment war für mich, als ein Schimpanse ganz nah an mich herankam, mir in die Augen sah und zart meine Hand gedrückt hat. Das ist die Geste, mit der sich Schimpansen ihre Zugehörigkeit versichern. Das war magisch – eine perfekte Kommunikation zwischen zwei Spezies, die Millionen Jahre voneinander getrennt waren und hier die Sprache ihrer gemeinsamen Vorfahren benutzt haben.

Wie viele „Disney“-Filme vermenschlicht auch „Schimpansen“ mit seinem Off-Kommentar das Leben der Tiere. Wie ähnlich sind sich Menschen und Schimpansen?

Goodall: Die genetische Übereinstimmung zwischen Mensch und Schimpanse beträgt 98 Prozent. Der große Unterschied ist die explosive Entwicklung unseres Intellekts. Aber wenn man sich etwa die nonverbale Kommunikation anschaut, sind sich die beiden Spezies sehr ähnlich: Begrüßen, Händchen halten, die Fähigkeit zu Toleranz, Geduld und zu diszipliniertem gemeinsamen Vorgehen – all das können Schimpansen auch. Sie sind in der Lage, Emotionen wie Glück und Angst zu fühlen, die ähnlich, möglicherweise sogar gleich zu unseren Gefühlen sind.

Und wo liegen die Unterschiede?

Goodall: Ohne Frage sind wir die intelligenteste Spezies, die je über diesen Planeten gewandelt ist. Schimpansen können viele Dinge, von denen wir nie gedacht haben, dass sie dazu in der Lage wären. Aber es macht keinen Sinn, den schlauesten Affen mit dem Menschen zu vergleichen, der es geschafft hat, bis zum Mond zu fliegen. Gleichzeitig stellt sich die Frage: Wie kommt es, dass die intelligenteste Spezies den Planeten zerstört, der ihre Heimat ist?

Von Martin Schwickert

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