Zum Start seiner Grimm-Professur verknüpfte Volker Schlöndorff Biografie und Werk

Der magische Moment

Bescheiden und engagiert: Volker Schlöndorff an der Kasseler Kunsthochschule. Foto:  Fischer

Kassel. Jahrelang habe er versucht, sich hinter seinen Filmen zu verstecken, sagte Volker Schlöndorff am Dienstag zum Auftakt seiner Grimm-Professur an der Uni Kassel. Preise - wie auch dieser Titel - seien ihm etwas peinlich.

Das Verstecken hat nicht geklappt, und so nahm der 72-Jährige die Zuhörer im vollen Hörsaal der Kunsthochschule mit auf eine Selbsterkundung anhand seiner Filme. Wie mündet ein Leben in ein so reichhaltiges Werk? Es wurden bewegende 90 Minuten, auch für den Regisseur selbst, dem wiederholt die Stimme versagte bei sehr persönlichen Erinnerungen.

Einige davon finden sich in seinen Filmen - etwa wenn der kleine Oskar Matzerath verzweifelt in der „Blechtrommel“ mit den Fäusten an jene Tür trommelt, hinter der seine Mutter an Fischvergiftung stirbt. Auch der kleine Volker trommelte so, als er ins Kinderzimmer gesperrt wurde. Die Mutter verbrannte in der Küche, weil sich das Bohnerwachs auf dem Herd entzündet hatte.

Als er das Lesen für sich entdeckt hatte, erinnert sich Volker Schlöndorff, zog er sich daheim mit einem Rowohlts Rotations Roman in den Ohrensessel zurück und entwickelte ein immer feineres Gespür „für den magischen Moment, in dem ein Buch sein Geheimnis preisgibt“. Das war Schule und Ansporn für den späteren Experten für Literaturverfilmungen.

Der Aufbruch als 17-Jähriger nach Frankreich prägte den gebürtigen Wiesbadener, der in Schlangenbad aufwuchs. So gelang die Abnabelung vom Vater. Der Internatsschüler sah Alain Resnais’ Film „Nacht und Nebel“ (1955), eine erste Dokumentation über den Holocaust. Ein Schock. „Ich musste dazu eine Haltung finden“, sagte Schlöndorff: in Diskussionen mit den französischen Mitschülern wie für sich selbst. Wie konnte so etwas geschehen? „Alle meine Filme suchen immer noch die Antwort.“ Erster Erfolg war die Robert-Musil-Verfilmung „Der junge Törleß“ um Quälereien unter Schülern.

In den 60ern arbeitete er wieder in Deutschland, setzte er sich mit der Protestbewegung auseinander, erlebte die Anfeindungen gegen Heinrich Böll und verfilmte dessen Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“. „Der Filmstart geriet zur Volksabstimmung gegen die Springerpresse“, erinnerte er sich. Das Votum war eindeutig.

Jahre in Amerika folgten, Schlöndorff arbeitete im Nachbaratelier von Martin Scorsese in New York und musste nach dem Oscar-Erfolg für „Die Blechtrommel“ endlich seinen Namen nicht mehr buchstabieren. Beim Kochen in seinem Haus für die Regiekollegen Wim Wenders und Werner Herzog entwickelte sich das Projekt „Tod eines Handlungsreisenden“ mit Dustin Hoffman - man debattierte, ob sie nicht alle solche verzweifelten Verkäufer seien, die mit Musterkoffern ihrer Ideen um die Welt tingelten. „Nichts hat mir so geholfen wie der Satz Just do it“ - die amerikanische Maxime, etwas einfach auszuprobieren.

„Wir leben nur noch audiovisuell“

Regisseur Volker Schlöndorff über die Situation des Films und der Kinos und sein neuestes Projekt

Von Bettina Fraschke

Kassel. Volker Schlöndorff ist nicht nur einer der wichtigsten Filmregisseure in Deutschland, er ist auch einer, der über das Filmemachen und die Filmkultur nachdenkt. Wir sprachen mit ihm bei seinem Besuch in Kassel.

Die Kinos kämpfen mit einem Besucherrückgang, der finanziell nur durch höhere Preise für 3D-Filme kompensiert wird. Woran liegt das?

Volker Schlöndorff: Am Internet und an der Digitalisierung. Es gehen zwar weniger Zuschauer ins Kino. Aber die Menschheit lebt nur noch audiovisuell. Alle drehen und senden selbst, schicken Nachrichten übers Handy. Das geschriebene Wort ist auf dem Rückmarsch. Früher musste man ins Kino gehen, um ein audiovisuelles Erlebnis zu haben.

Kann man überhaupt etwas für die Kinos tun?

Schlöndorff: Um die großen Kinos mache ich mir keine Sorgen. Die dort gebotenen großen Achterbahnerlebnisse werden die Menschen immer suchen. Schwerer haben es die Filmkunstkinos.

Was ist deren Situation?

Schlöndorff: Ein Publikum gibt es. Es gibt viele, vor allem ältere Menschen, die gern ins Kino gehen wollen, die noch nicht dauernd vor dem Internet hängen. Und es gibt gleichzeitig zehnmal mehr Filme als früher. Nur finden die nicht zusammen. So hat der anspruchsvolle Film keinen Ort mehr. Hier ist die Filmindustrie gefordert. Die Filmemacher drehen ja über die Maßen. Mich erinnert das an den Buchmarkt, wo es ein Überangebot gibt, das zur Kannibalisierung führt.

Vor einiger Zeit kritisierten Sie, dass sich die Filmästhetik nur noch an den Bedürfnissen des Fernsehens orientiert.

Schlöndorff: Der deutsche Film ist fernsehspezifisch, nicht kinospezifisch. Man merkt das in jeder Sitzung. Es geht nicht darum, wie der Film in einem dunklen Kinosaal wirkt, sondern im Fernsehen.

Was heißt das?

Schlöndorff: Gestern war ich in einer Besprechung, wo es hieß, der Filmanfang muss zügig sein, damit die Zuschauer gut hineinkommen, das Ende versöhnlich, damit die Menschen gut schlafen können. Den Einfluss vom Kino auf das Medium Film gab es kaum, der vom Fernsehen auf das Medium Film ist sehr stark.

Woran arbeiten Sie gerade?

Schlöndorff: Am 6. Juni war letzter Drehtag für einen Film über die deutsche Besatzung in Frankreich. Er spielt in der Bretagne, wo ich als junger Mann angekommen bin. Ich habe immer mit einem Fuß in Deutschland und einem in Frankreich gelebt. Dieses Tandem habe ich filmisch noch nie behandelt. Ich erzähle ein Geiseldrama aus deutscher und französischer Sicht.

Zur Person

Volker Schlöndorff wurde am 31. März 1939 in Wiesbaden geboren, sein Vater war HNO-Arzt.

Ausbildung: Während der Gymnasialzeit ging Schlöndorff auf ein Internat in Frankreich und blieb dort. Nach dem Abitur studierte er und kam als Regieassistent zu Louis Malle.

Filmauswahl: 1966: „Der junge Törleß“, 1975: „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, 1979: „Die Blechtrommel“, 1981: „Die Fälschung“, 1984: „Eine Liebe von Swann“, 1985: „Tod eines Handlungsreisenden“, 1991: „Homo Faber“, 2000: „Die Stille nach dem Schuss“.

Preise: Unter anderen die Goldene Palme und ein Oscar für die „Blechtrommel“.

Privates: Erste Ehe mit Margarethe v. Trotta, zweite Ehe mit Angelika Gruber, eine Tochter und zwei Adoptivkinder, die er beim Dreh in Louisiana kennengelernt hat.

Die Brüder-Grimm-Professur wird von der Kasseler Universität mit Unterstützung der Kasseler Sparkasse verliehen. Die Hochschule will zwischen Wissenschaft undPraxis vermitteln. Frühere Gastprofessoren: Tankred Dorst, Oskar Pastior, Herta Müller, Ingo Schulze, Christoph Hein, Rafik Schami.

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