Im Mainstream: Ex-Straßen-Rapper Sido und sein neues Album „VI“

Ein Rapper macht Pop: Sido und sein Album „VI“. Foto: dpa

Auf seinem Marsch durch die Institutionen ist der 34 Jahre alte Paul Hartmut Würdig im All angekommen. „Astronaut“ heißt die Single des immer bärtigeren Berliners, den die Öffentlichkeit als Sido kennt, und dazu passend guckt sich der Song auch die Charts von oben an: Platz eins in Deutschland, das hat Sido trotz mehrerer Nummer-eins-Alben mit einer Single noch nie geschafft.

„Ich heb’ ab/ Nichts hält mich am Boden/ alles blass und grau/ bin zu lange nicht geflogen/ wie ein Astronaut.“ So geht der Refrain, den jedoch nicht der Ex-Straßenrapper Sido beisteuert, sondern Andreas Bourani (31), Deutschlands derzeitiger Konsenssänger schlechthin.

Eher am HipHop interessierte Fans von Sido, sind nicht ganz so entzückt über das Duett mit Bourani. „Was ist nur aus dir geworden?“, kommentiert ein Klaudio auf Sidos Facebook-Seite, Und Justus fragt – stellvertretend für viele – „Ist das noch Rap?“.

Sido ist so sehr im Mainstream angekommen, wie das für einen Rapper möglich ist. Sein neues Album „VI“ lässt keinen Zweifel daran, wo er sich sieht: im Pop. Und im Radio. Ähnlich wie Cro, Die Fantastischen Vier oder Casper macht Sido jetzt also HipHop für Menschen, die von Haus aus eher Bourani-, Bieber- oder Tote-Hosen-Fans sind. „Astronaut“ ist ja nicht sein erster Hit, in dem er Breitwand-Pop mit Rap mischt. Es gab bereits „Einer dieser Steine“ und 2010 schon „Der Himmel soll warten“ mit Adel Tawil, der auch auf „VI“ wieder im Einsatz ist.

„Zu Hause ist die Welt noch in Ordnung“ ist einer dieser staatstragenden Rap-Pop-Balladen. „Ich bin nicht gläubig, aber ich glaub’, wir sind alle am Arsch“, so Sido in dem Stück. In „Dieses Eis wird immer dünner, bis der nächste von uns einbricht“, geht es darum, dass die einen in Geld schwimmen, während andere in Scheiße baden. Nimmt man wiederum den Song „Vom Frust der Reichen“ für bare Münze, ist reich sein auch nicht das Wahre, zumal man dann „am Wochenende Löwen in der Dritten Welt jagen“ gehe, eine seit dem Cecil-Abschuss durch einen US-Zahnarzt beklemmende Zeile.

Ansonsten erzählt Sido zu wenig überraschenden Beats mal wieder von der krassen Jugend („So war das“), seiner Identitätssuche sowie der mangelnden Anerkennung durch das Bürgertum wie auch manch alten HipHop-Buddy (in „Zu Straße“ sagt er, er sei „Zu gerade für die Straße und zu Straße für die Nachbarschaft“).

Wie es mit Sido weitergeht? Rappen wird er wohl nicht ewig, aber Ruhe wird der Mann ebenso wenig geben. So wie er in „Ackan“ rappt: „Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt/ Und die Zeit bis zur Rente genutzt“.

Sido: VI. Urban (Universal Music). Wertung: Drei von fünf Sternen

Von Steffen Rüth

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