Direktor der Museumslandschaft Hessen Kassel

Interview: Bernd Küster über Künstlerkolonien und Chancen der Kultur

Willingshausen ist ab heute Austragungsort des Jahrestreffens der euroArt, der Vereinigung der europäischen Künstlerkolonien. 130 Vertreter aus 20 Ländern sind in der Schwalm zu Gast, am Sonntag gibt es ein buntes Programm für die Öffentlichkeit.

Bernd Küster, Direktor der Museumslandschaft Hessen Kassel, ist Spezialist für die Geschichte der Künstlerkolonien. Das Schwälmer Malerdorf hat er auch in einem Buch vorgestellt (edition fischerhuder kunstbuch, 120 Seiten, 14 Euro).

Wann hat zum ersten Mal ein Maler Staffelei und Pinsel ins Freie genommen und vor der Natur gearbeitet?

Bernd Küster: Das war in einer merkwürdigen Umbruchszeit am Ende der Romantik, als die Empfänglichkeit für Landschaftseindrücke größer geworden ist. Das Verklärende der Romantik war nicht mehr gewollt. Auch Caspar David Friedrich wusste natürlich schon genau, wie ein Sonnenuntergang farbig abläuft, wie die Jahreszeiten die Dramaturgie der Landschaft bestimmen. Aber er ist nie vor die Natur gegangen, um zu malen. Dieser Schritt musste irgendwann gesetzt werden. Die Nachfolgeneration vom Schlage Spitzweg pilgerte nun ganz devot hinaus, um die Natur zu lernen, um ihre Formenvielfalt zunächst zeichnerisch zu erfahren. Das war eine ganz wichtige Vorform, um sich das Repertoire der heimischen Landschaft allmählich auch malerisch anzueignen.

Friedrich hat doch auch viel in der Natur gezeichnet...

Küster: Er war ein begnadeter Zeichner. Im Naturzeichnen waren die Romantiker nicht zu überbieten. Aber die Bilder sind dann alle im Atelier entstanden. Der nächste Schritt war der, aus den Studien nicht nur das Bild einer idealen Natur zu komponieren. Man merkte: Man muss keine Mondaufgänge mehr imaginieren, sondern kann wechselnde Lichtstimmungen direkt aufnehmen. In der Natur ist sehr viel Ideales angelegt, man kann sie als Fundus oder Lehrmeisterin begreifen und als Raum für jedes denkbare künstlerische Interesse beanspruchen. Und eine entscheidende Voraussetzung war die Erfindung der Tubenfarbe.

Inwiefern?

Küster: Man konnte endlich die Ölfarben mit in die Natur nehmen. Im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts wurde das gängig. Diese Gelegenheit, über die industriell gefertigten Farben sozusagen ein mobiles Atelier einzurichten, hatten die Romantiker noch nicht. Auch ein Dürer hat deshalb nur Aquarelle vor der Natur gemacht.

Nun ist das eine, dass Maler sich in die Natur begeben, vor Ort malen. Aber wie kam es zur Gründung von Künstlerkolonien?

Küster: Die Romantik war vielleicht die künstlerisch hochwertigsteVereinigung, aber es handelte sich um lauter Einzelgänger mit einer malerisch idealen Welt. Die nachfolgende Generation war mit dieser Herausforderung des wirklichen Zugehens auf die Natur befasst und tat das in der Regel in der Gemeinschaft. Man kann sehr schön sehen, wie sich in den 1830er-Jahren kleine Gruppen, durch die romantische Sensibilisierung der Sinne beeinflusst, aus den Akademien hinaus wandernd in die Landschaft bewegten.

Und sie gingen wohin?

Küster: Von Düsseldorf zum Beispiel ins Rheintal, längs der Mosel und der Ahr bis in die Eifel. Da wurden völlig neue Motivräume entdeckt. Die Eifel war vorher ein Niemandsland. Über die wandernden Künstler wurde sie als motivwürdig entdeckt, und ihnen folgten dann auch bald die ersten Touristen. In München geschah etwas sehr ähnliches. Als die Landschaftsmalerei kein Lehrfach sein durfte, formierten sich unter den jungen Künstlern Freundschaftsbünde, Interessensgemeinschaften, die sich gemeinsam der neuen Herausforderung stellen wollten. Diese kollektive Erfahrung ist das Spektakuläre an der neuzeitlichen Landschaftsmalerei. Man hat dann gemeinsam Studienorte ausfindig gemacht. In Hessen war das Willingshausen, entdeckt und bevölkert von Malern der Düsseldorfer Akademie und später von den Dresdnern.

Wie steht Willingshausen im Vergleich zu anderen Künstlerkolonien da?

Küster: Dort hat sich bis auf eine einzige Ausnahme kein Maler niedergelassen, das heißt im strengen Sinne ist es keine Malerkolonie. Das spielt aber keine Rolle und ist kein Nachteil. Solche temporär bevölkerten Studienorte, wie etwa auch Dangast am Jadebusen, sind von nicht minderer Bedeutung in dieser Epoche machenden Bewegung zur Freilichtmalerei. In einer Kolonie wie Kronberg oder etwa Worpswede, wo sich anfangs ganze fünf Maler niederließen, gab es sehr bald auch Komplikationen und sozialen Stress. In Worpswede haben sich die benachbarten Maler mit Duellforderungen das Leben schwer gemacht. So etwas gab’s in Willingshausen nicht. Da war die Kommunikation, der Zusammenhalt größer. Da ging es um die Kunst, um den Austausch, nicht um das Überleben müssen, um Marktanteile.

Man kann diese Geselligkeit im Malerstübchen ja noch gut nachvollziehen.

Küster: Und es ist immer wieder erstaunlich, wie groß der Ertrag dieser alljährlichen Schwälmer Sommerfrischen war. Aus der langen Tradition dieses Studienortes haben sich reiche Bestände ergeben.

Wer war für Sie der bedeutendste Maler in Willingshausen?

Küster: Ludwig Knaus ist eine überragende Gestalt, als der wohl größte Genremaler, den es im 19. Jahrhundert gab und der letztlich auch für den frühen van Gogh noch von prägender Wirkung war. Knaus spannt den Bogen von Willingshausen nach Barbizon, der Keimzelle der europäischen Künstlerkolonien. Er lebte acht Jahre in Paris, malte in Barbizon und brachte diese Erfahrung mit in die Schwalm.

Wie reagierten die Einheimischen, wenn die Maler in diese bäuerlich geprägte Region einfielen?

Küster: Das waren zunächst Sommergäste, die versorgt werden mussten, die also auch für Einnahmen sorgten. Ob sie in ihrem Ansinnen von den Einheimischen verstanden wurden, muss man bezweifeln. Aber immerhin bereicherten sie das dörfliche Leben, wurden respektiert und zu den gängigen Festen eingeladen und fanden Gefallen an diesem etwas exotischen Milieu mit den langhaarigen Bauern, der farbenfrohen Folklore und den seltsamen Trachten. Schließlich brauchten die Maler Modelle. Die Kinder drängten sich auf, das war unkompliziert. Die Erwachsenen waren im Sommer auf dem Feld, das bedeutete, dass für die Bauern auch schon einmal Tagelöhner oder Leinweber posierten, die gerade mal Zeit hatten. Generell waren die Akzeptanz der Künstler und das Entgegenkommen groß.

Viele Künstlerkolonien pflegen ihre Tradition. Welche Perspektiven sehen Sie für Willingshausen?

Küster: Der Ort muss viel tun, um die Substanz dieses Erbes sach- und fachgerecht zu erhalten, zu zeigen und zu erschließen. Das bedeutet, dass der Besucher etwas Authentisches finden muss. Dachau ist ein schönes Beispiel, wo die Geschichte des Ortes museal anschaulich ist. So weit wie dort sind wir in Willingshausen noch lange nicht. Die museale Ertüchtigung des Gerhardt-von-Reutern-Hauses mit einer Dauerausstellung und attraktiven Wechselausstellungen, die mit der Geschichte verflochten sind, all das ist unabdingbar. Willingshausen hat viel zu bieten. Bislang läuft es hinter seinen Möglichkeiten her. Die Chance, die in der Kultur steckt, ist noch lange nicht erkannt.

Das Programm

Unter dem Motto „Lebendiges Willingshausen - zwischen Tradition und Moderne“ wird am Sonntag, 13. Oktober, anlässlich des euroArt-Treffens ein ganztägiges Programm geboten:

 • 10 Uhr Gottesdienst zum Abendmahlsbild von Carl Bantzer

 • „Lebendige Bilder“: Werke von Ludwig Emil Grimm, Gerhardt von Reutern, Bantzer und Wilhelm Thielmann werden von Trachtenträgern nachgestellt

 • Aktionen und Ausstellungen der Künstlerstipendiaten • Ausstellung von Malkursteilnehmern

• Ausstellung „Lieben und Belieben - Unser Dorf im Wandel“

• Führung in der Ausstellung „Spitzweg, Schleich und die Anfänge der Freilichtmalerei“

• Vorführungen der Trachtengruppe Loshausen

• Präsentation der Flachsbearbeitung • Regionale Spezialitäten. (zsr)

Von Mark-Christian von Busse

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