Glühende Leinwände: William Turner brilliert in einer Ausstellung im Bucerius Kunst Forum in der Hansestadt

William Turners Gemälde werden in Hamburg gezeigt 

Dramatisch: William Turners Darstellung von Fischerbooten, die ein beschädigtes Boot in den Hafen befördern, „Fishing Boats Bringing a Disabled Ship into Port Ruysdael“, ohne Jahr. Fotos:  Bucerius Kunst Forum

Hamburg. Die Bilder William Turners (1775-1851) lösten bei seinen Zeitgenossen zwiespältige Reaktionen aus: überschwänglichen Beifall und harsche Kritik. Denn der zum viel beachteten Kunstmaler aufgestiegene Sohn eines Londoner Barbiers hielt sich nicht an die Spielregeln.

Zu seiner Zeit schrieb die akademische Etikette eine spiegelglatt gestrichene Bildoberfläche vor. Und um den damals tonangebenden Sammler Sir George Beaumont zu Wort kommen zu lassen: „Ein gutes Bild muss braun sein, wie eine gute Geige.“ Turners Ölbilder aber weisen einen unebenen Auftrag in grellen Farben auf. Das trug ihm den Spitznamen „Over-Turner“ - der „Überdrehte“ - ein.

Längst aber wird Turner für seine farbglühenden Leinwände und seine zur Abstraktion tendierende Darstellungsweise hoch geschätzt. Im Hamburger Bucerius Kunst Forum bietet sich eine der in Deutschland seltenen Gelegenheiten, seine Bilder zu betrachten. Ausgestellt sind fast 100 aus England und den Vereinigten Staaten angereiste Ölgemälde, Aquarelle und Zeichnungen. Geordnet sind die Werke aus allen Schaffensphasen in Hinblick auf ein jeweils vorherrschendes Element: Erde, Luft, Wasser, Feuer oder deren als „Fusion“ bezeichnete Mischung.

Seine Bildmotive trug Turner auf Reisen zusammen. Als besonders wichtig erwies sich eine Tour 1802 in die Alpen. Das mit Aquarellfarben und Kreide geschaffene Blatt „Befestigter Pass, Aostatal“ beschwört die Vision einer gewaltigen Bergkulisse in Grau und Braun unter eisig grauweißem Wolkenhimmel. Man scheint in einem Abgrund zu hängen.

Immer zielt Turner auf die Erregung von Gemütsbewegungen ab. Dafür sorgen schroffe Gebirgsformationen, gewaltige Gletscher, Wasserfälle, tobende Stürme oder explosive Vulkanausbrüche. Detailliert schildert er in einem Aquarell den „Zorn des Vesuvs“ (um 1817). Der Blick geht über die Bucht von Neapel. Auf dem Wasser spiegelt sich in gleißendem Orange der nächtliche Ausbruch des Vulkans.

Packenden Stoff lieferte die aufgewühlte See, wie das Ölgemälde „Mündung der Maas: Handelsschiff für Orangen zerbricht auf der Sandbank“ (1819) beweist. Rettungsboote und über Bord gegangene Orangen werden zum Spielball schwerer Wogen. Erstaunlich, dass Turner der Schilderung der Himmelsphänomene zwei Drittel der Leinwand widmet. Der Sturm wirbelt Wolkenmassen durcheinander. Ganz oben ist Ruhe eingekehrt: Wolkenstreifen liegen friedlich im Sonnenlicht.

Die detaillierte Malerei ließ Turner mehr und mehr hinter sich. Die Dinge verlieren ihre Konturen, die Elemente fließen ineinander. Eindrucksvoll zeigt dies das Ölgemälde „Sonnenaufgang mit einem Boot zwischen Landzungen“ (um 1840-1845). Der Bildtitel konkretisiert, was auf der Leinwand kaum auszumachen ist. Das Zentrum erglüht in grell leuchtendem Gelb. Nicht die Landschaftsbeschreibung, sondern die vom morgendlichen Sonnenlicht erzeugte Atmosphäre ist das Bildthema.

Bis 11. 9., Bucerius Kunst Forum, Rathausmarkt 2, täglich 11-19 Uhr, Do 11-21 Uhr. Infos: Tel. 040/3609960, www.buceriuskunstforum.de. Der Katalog (Hirmer Verlag) kostet 29 Euro.

Von Veit-Mario Thiede

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