Die freizügigen Bilder des Österreichers Lucian Freud sind zum allerersten Mal in Wien zu sehen

Ein Maler nackter Wahrheiten

Ein frühes Selbstporträt: Lucian Freud um 1956.

WIEN. Zeit seines Lebens hat Lucian Freud (1922 - 2011) sich geweigert, seine Werke in Österreich zu präsentieren. Der Enkel Sigmund Freuds hat dem Land nie verziehen, was es seiner Familie zur Zeit des Nationalsozialismus angetan hatte: den Großvater im hohen Alter zur Emigration genötigt, vier seiner fünf Großtanten im KZ ermordet. Doch einige Monate, bevor der Tod dem Künstler buchstäblich den Pinsel aus der Hand riss, gelang es dem Kurator Jasper Sharp, ihn zu einer Werkschau im Kunsthistorischen Museum Wien zu überreden. Auswahl und Konzeption hat Freud noch weitgehend bestimmen können.

Eines war ihm besonders wichtig: Seine Gemälde sollten nicht in Tuchfühlung mit den dort im Übermaß vorhandenen Alten Meistern geraten. Meister, die ihm von Kindheit an vertraut waren: Sigmund schickte dem Enkel regelmäßig Reproduktionen ins ferne Berlin, wo seine Familie lebte, ehe sie 1933 nach London emigrierte. Lucian liebte diese Bilder, wollte aber nicht mit ihnen verglichen, nicht an ihnen gemessen werden. Stattdessen schwebte ihm eine chronologisch gehängte Schau seiner wichtigsten Gemälde vor.

Sharp hat sich genau an Freuds Vorgaben gehalten - und er hatte das Glück, dass der Künstler selbst noch zahlreiche Schlüsselbilder aus Privatbesitz für die Ausstellung gewinnen konnte. So entfaltet sich vor den Augen des Betrachters ein 68 Jahre anhaltender Schaffensprozess: vom akribisch mit Zobelhaarpinsel gemalten Selbstporträt aus dem Jahr 1943, beinahe eine altmeisterliche Preziose, über die Werke der 50er-Jahre, in denen er begann, stehend und mit gröberen Schweineborstenpinseln zu arbeiten, seine ersten völlig nackten Porträts der 60er-Jahre bis hin zu den monumentalen Leinwänden seit den 80er-Jahren.

Das letzte, unvollendete Bild aus dem Jahr 2011 beschließt die Schau. Freud hat es „Porträt des Hundes“ genannt - ein irreführender Titel. In Wahrheit handelt es sich um ein Doppelporträt seines langjährigen Assistenten David Dawson und dessen Windhund. Ersterer nackt und in ähnlicher Pose festgehalten wie die nahezu vom Sofa quellende „Schlafende Sozialamtsleiterin“ aus dem Jahr 1995, die der Oligarch Roman Abramovic 2008 mit 17 Millionen Pfund zum teuersten Gemälde eines (damals noch) lebenden Künstlers aufgewogen hat.

Ungeschönte Bilder des Menschen, diese späteren Werke, meist nackt in der Darstellung, immer nackt in der Emotion. Unweigerlich fängt sich der Blick an ausladenden Rundungen, müden Genitalien, Speckfalten, Runzeln und Orangenhaut. Ein schmeichlerischer Maler war Lucian Freud nicht. Eher einer, der mit Furor seine Faszination an der Vergänglichkeit auf die Leinwand gebannt hat. Sich selbst hat er dabei am wenigsten geschont: Seine Selbstporträts als nackter alter Mann gehören zu den Höhepunkten dieser bemerkenswerten Ausstellung.

Bis 6. Januar, Kunsthistorisches Museum Wien, Burgring 5, www.khm.at Katalog: 39,95 Euro.

Von Verena Joos

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