Malocher mit Herz: Thees Uhlmann im Kulturzelt Kassel

Malocher mit Herz: Thees Uhlmann im Kulturzelt Kassel

Es gibt wenige Musiker, die sich so sehr für etwas begeistern können wie Thees Uhlmann. Am Sonntag trat der ehemalige Sänger der Indierock-Band Tomte im Kasseler Kulturzelt auf und beweies, warum man ihn auch "Hooligan der Herzen" nennt.

Kassel. Wie gut ein Konzert von Thees Uhlmann ist, kann man unter anderem daran erkennen, wann der Sänger seine Lederjacke auszieht. Im Kasseler Kulturzelt ist es am Sonntag nach 40 Minuten soweit. Der Auftritt muss also ziemlich gut sein, denn die Lederjacke ist die Uniform des 40-Jährigen, der als „Bruce Springsteen von Niedersachsen“ und „Hooligan der Herzen“ gilt.

„Es ist eine Ehre, für Kassel meine Lederjacke auszuziehen“, sagt Uhlmann. Selbst das Ablegen eines Kleidungsstücks ist bei dem Ex-Sänger der Hamburger Indierock-Band Tomte ein pathetischer Moment.

Genau genommen war das Konzert sogar so gut, dass Uhlmann nackt hätte spielen müssen. Den Eindruck muss nach 90 Minuten jeder im fast ausverkauften Zeltbau haben. Und Uhlmann sagt im Lauf des Abends Sätze, die sonst nur Joachim Gauck sagt. Zu seinem Gitarristen und Produzenten Tobias Kuhn meint er: „Es kommt mir vor, als hätten wir die beiden Platten nur für das Publikum in Kassel geschrieben.“ Das Lob komme aus „der tiefen Kathedrale der Ernsthaftigkeit“. Später beteuert er: „Das werde ich für lange Zeit nicht vergessen.“ Kuhn filmt derweil das begeisterte Publikum mit dem Smartphone.

Mit Uhlmann würde man selbst ohne Musik seinen Spaß haben. Aber die Musik ist auch toll. Seine fünfköpfige Band liefert den perfekten Sound für den Power-Pop, der sich an US-Songwritern orientiert. Uhlmann ist ein Malocher und der Held der kleinen Leute. In „Weiße Knöchel“ besingt er einen SPD-Wahlkampfhelfer in den Fußgängerzonen des Ruhrgebiets. „Das Mädchen von Kasse 2“, eigentlich eine Hommage an eine Supermarktkassiererin, widmet er den Kulturzelt-Mitarbeiterinnen, die eine „Mischung aus streng, kompetent und hübsch“ seien.

Im Interview gestand er uns einmal: „Ich bin echt nicht der Coolste.“ Aber was ist schon cool, wenn man aus Hemmoor im Niemandsland bei Cuxhaven stammt? Uhlmann freut sich wie ein Kind, als er fragt, wer vom Dorf stammt und sich fast alle melden. Anschließend spielt er „Lat: 53.7 Lon: 9.11667“, seine Hymne auf die Jugend in der Provinz zwischen „Schweinedisco, Kühen und Atomkraftwerken“. Da geht jedem, der nicht aus Berlin oder München stammt, das Herz auf. Es ist einem noch nicht einmal peinlich, wenn Uhlmann erzählt, wie er als 14-Jähriger seinen ersten Porno schauen wollte, er und sein Kumpel aber den Videorekorder nicht bedienen konnten.

Am Ende hat Uhlmann vier Besuchern lebenslang freien Eintritt für seine Konzerte versprochen. Entweder wird er endgültig der deutsche Bruce Springsteen oder er geht pleite, weil er zu gut ist.

Kulturzelt am Dienstag, 20 Uhr: Trombone Shorty.

Von Matthias Lohr

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.