Camille Corot hat in Karlsruhe seine erste umfangreiche deutsche Ausstellung

Er malte mit dem Herzen

Besinnlichkeit triumphiert über Ausgelassenheit: Camille Corots Gemälde „Die Ruhe“ (1860, überarbeitet 1865/70). Fotos:  Kunsthalle Karlsruhe

Karlsruhe. Der französische Maler Camille Corot (1796-1875) stand bei seinen Zeitgenossen in hohem Ansehen. Auch der Impressionist Claude Monet äußerte: „Es gibt nur einen hier und zwar Corot; wir sind nichts, nichts neben ihm.“ In der Kunsthalle Karlsruhe hat Corot mit 180 Gemälden und Grafiken seine erste umfassende deutsche Ausstellung.

Für die Würdigung seiner Gemälde muss man sich Zeit lassen. Auf den ersten Blick erscheinen sie langweilig. Aber treffend urteilte der Dichter Charles Baudelaire: „Er erstaunt langsam.“ Wie eine Gebrauchsanweisung wirkt die Bilderfolge „Corots Atelier“. Auf der aus Washington angereisten Fassung (um 1865/68) sitzt eine Frau dicht vor einer Staffelei und ist andächtig in die Betrachtung eines Gemäldes versunken. Sie führt uns vor, dass Verinnerlichung und Versenkung Grundlagen für die Annäherung an Corot sind.

Die chronologisch und thematisch geordnete Hängung beginnt mit Freilichtstudien und im Atelier angefertigten Gemälden, die lichte und klare Landschaftsmotive und Stadtansichten aus Rom oder Genf zeigen - idyllisch wie ein Ansichtskartenmotiv. „Mantes, Kathedrale und Stadt hinter Bäumen“ brilliert mit gläsern strahlenden Farben.

Andere Gemälde wirken traumverloren und entrückt. Zunehmend überzieht Corot seine Landschaften mit seinem silbrig grauen Schleier. Wohlige Melancholie breitet sich aus. Ihre schönsten Momente hat sie im Gemälde „Die Ruhe“. Im Hintergrund geht es hoch her: Bacchus und sein Gefolge sprechen ausgelassen dem Wein zu. Vorn aber präsentiert eine auf einem Leopardenfell liegende Bacchantin ihren nackten Körper. Besinnlichkeit triumphiert über Ausgelassenheit.

„Erinnerungslandschaften“ krönen das Spätwerk. Eindrucksvoll ist das Gemälde „Die Einsamkeit, Erinnerung an Le Vigen“ (1866). Eigentümliche Farbknödel schweben durch die Landschaft. Vordergrund und Seiten sind verdüstert. Neben einem alten und einem jungen Baum sitzt eine Frau im Schatten. Sie blickt aufs Wasser. Dort funkeln Lichtreflexe unter aufgeheitertem Himmel. Das wirkt wie eine melancholische Erinnerung an schöne Tage. Wie sagte Corot? „Ich sehe und male mit meinem Herzen genauso wie mit meinem Auge.“

Bis 6. Januar, Infos: Tel. 0721-9263359, www.kunsthalle-karlsruhe.de. Katalog (Kehrer Verlag) im Museum 45 Euro.

Von Veit-Mario Thiede

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