„Man hat das heimlich gehört“

DJ Marcus Liesenfeld lässt den Softrock der 70er wieder aufleben

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Dieser Sommer klingt so cool wie die 70er-Jahre. Wie Cabriofahren am Pazifik, wie eine gewisse Lässigkeit, die es danach in der Musik kaum mehr gab. Das kleine Berliner Plattenlabel How Do You Are? mischt derzeit die Musikszene auf – und verschiebt die Koordinaten des Coolseins.

Marcus Liesenfeld hat auf dem Sampler „Too Slow To Disco“ fast vergessene Originaltitel aus den 70ern zusammengestellt, die für das typische Westcoast-Gefühl stehen, und die den Sound des Softrock (wegen der luxuriösen Eleganz auch Yacht Rock genannt) aus dem Kälteschlaf holen. Bekannt wurden Bands wie die Doobie Brothers und Fleetwood Mac – doch es gab viel mehr. Die Musikwelt horcht nun auf angesichts der supercoolen, musikalisch hochklassigen und zugleich tiefenentspannten Songs.

Welcher Kleidung entspricht diese Musik? 

Marcus Liesenfeld: Einem cremefarbenen, schlabbrigen Anzug, dazu Hawaiihemd und Turnschuh. Und der Typ, der das trägt, ist mental an der Grenze zum Größenwahn.

Wie kamen Sie dazu, diese Musik aus der Versenkung zu holen?

Liesenfeld: Nach einer Nacht, wo ich als DJ auflege, brauche ich zum Runterkommen Musik, die mich in Watte bauscht – und das war die. Für Freunde habe ich sie in eine Soundcloud gestellt und hatte auf einmal 35 000 Downloads. Dann haben Plattenläden gefragt, ob ich eine CD mache, und das hat irrsinnig lang gedauert. Zum Glück, denn jetzt ist der Zeitpunkt, wo sich nicht nur Freaks dafür interessieren.

Was war denn mit den Titeln damals los? 

Liesenfeld: Das war ganz verrückt. Manche klingen, als hätten sie sich fünf Millionen Mal verkauft. Das war bei Fleetwood Mac so, aber viele andere Songs kamen nie auf eine Platte, sind sofort in die Tonne gekloppt worden. Denn in dieser Zeit kamen zwei Trends auf, die alles andere schluckten: Disco und Punk.

Wo haben Sie die Lieder gefunden? 

Liesenfeld: Das war eine lange Recherche, ich habe zum Teil direkt mit den Musikern Kontakt aufgenommen. Manche Masterbänder von den Aufnahmen im Studio damals sind noch nie digitalisiert worden. Die Hälfte der Künstler hatte noch nie Musik auf CD. Dann stell dich mal hin als kleines Plattenlabel und bitte die großen Firmen und Rechteinhaber, das zu digitalisieren. Die lachen sich tot.

Wo verläuft bei dieser Musik die Grenze zum Kitsch? 

Liesenfeld: Im Hörer. Ich wate ja tief in diesen Klängen und mir wird es manchmal zuviel bei reinen Balladen. Ich mag, wenn es einen flockigen Beat gibt. Durch das aktuelle Discorevival sehen wir aber, dass die Musik weiterentwickelt wird. Bands wie Daft Punk beziehen sich darauf.

Gibt es musikalische Elemente, auf die es ankommt? 

Liesenfeld: Nein, musikalisch kann das jeder. Es kommt auf die Mentalität an. Ist ja kein Wunder, dass diese Musik von der US-Westküste kommt. Du hast den Moloch L.A., das Urbane, und dann die grandiose Natur und das Meer. Ich kriege heute täglich Zuschriften von Bands, die sagen, sie klingen so. Klingen sie aber fast nie. Wer es wirklich draufhat sind Poolside.

Wenn jemand heute genau solche Musik machen will: Was ist das Geheimnis? 

Liesenfeld: Das waren riesige Produktionen mit turnhallengroßen Studios – soviel Geld hat heute keiner, die Aufnahmen sind viel kleiner. Außerdem hört man Musik heute oft als MP3. Alles klingt komprimierter, flacher.

Ihr Sampler erlebt eine riesige Resonanz – welchen Nerv treffen Sie gerade? 

Liesenfeld: Das Interesse an dieser Musik gab es immer. Aber jetzt eben auch den Mut zu sagen, dass man sie mag. Man hat das heimlich im Keller gehört. Lang galt Softrock als schleimig, oberflächlich, größenwahnsinnig. Das hat sich gewandelt. Jetzt bringt die Megafirma Universal – im Nachgang zu unserem Erfolg – selbst eine 3-CD-Box mit ähnlichen Titeln raus: „Yacht Rock“. Krass.

Various Artists: Too Slow To Disco (How Do You Are?), Wertung: Vier von fünf Sternen. 

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