Thomas Bockelmann inszeniert am Schauspielhaus Heinrich von Kleists Lustspiel „Amphitryon“

In der Manege wuchern die Zweifel

Kassel. Das Leben ist ein Trapezakt. Schauspielerin Agnes Mann schaukelt an meterlangen Seilen hoch über den Köpfen des Publikums - für einen Moment ist ihre Alkmene unbeschwert. Sie jauchzt, lässt das hellblaue Kleid fliegen, leuchtet vor Glück. Die Nacht mit Jupiter war überwältigend.

Alkmene wusste nicht, dass der Liebhaber nicht ihr Gatte Amphitryon war - Jupiter (Enrique Keil) hatte sich getarnt in der Gestalt ihres Mannes. Nun liegt Enrique Keil nur Zentimeter unter dem schwingenden Trapez, hebt den Kopf, will sich aufsetzen und riskiert in jeder Sekunde den frontalen Zusammenstoß. Das Glück ist stets in Gefahr.

Bis in die Details zeigt Intendant Thomas Bockelmann in seiner überzeugenden und viel beklatschten Inszenierung von Heinrich von Kleists Lustspiel „Amphitryon“, mit dem das Kasseler Staatstheater am Freitag die Saison im Schauspielhaus eröffnete, das Leben als Balanceakt. Tunlichst sollte man ihn mit verpflasterten Händen und Füßen absolvieren, wie Agnes Mann, deren Alkmene bandagiert ist wie eine Artistin.

Gralf-Edzard Habben hat auf die Bühne eine Manege gebaut, in die Amphitryons Haus an Seilen herabgelassen wird. Die Zirkusbezüge sind in die Inszenierung schlüssig eingebunden, wirklich naheliegend ist die Ansiedlung des Stücks in der jahrmarktartigen Künstlerwelt aber nicht.

Kurz nach dem Glücksmoment auf dem Trapez sickert der Zweifel in Alkmene ein wie Tröpfchen einer Giftinfusion. Sie betrachtet das Geschenk ihres geliebten Gemahls und entdeckt einen fremden Namenszug. Wer war es wirklich, der sie im Bett so erzittern ließ? Das Gift des Zweifels wirkt: Die vielseitige Agnes Mann scheint innerlich zu vereisen, ihr Gesicht entgleist, bis sich die Verunsicherung in Wut entlädt.

Kleist zeigt Menschen, die durch die tiefe Irritation über ihre eigene Wahrnehmung nie mehr unbefangen lieben können. Und alles, weil Gott Jupiter die Begegnung mit Alkmene nicht bei einem Techtelmechtel belässt, sondern mehr will: Er will als er selbst geliebt werden. Eine Überforderung für Alkmene.

Gebeutelt werden aber alle Figuren. Selbst Enrique Keil zeigt Gott Jupiter verzweifelt und immer stärker resigniert. Zurückhaltend ringt er um Contenance bei der großen Abrechnung. Bernd Hölscher gibt dem eigentlichen Gemahl viel Würde und ein weiteres Mal fantastische Bühnenpräsenz. Der Macht gewohnte Feldherr Amphitryon ringt mit den Gefühlen und schickt sich mit gesenktem Kopf irgendwann drein, dass das Glücklichsein für immer vorbei ist.

Das Schicksal der Hauptfiguren wird komisch gespiegelt durch die Dienerschaft. So ist auch Sosias (Uwe Steinbruch) mit einem göttlichen Doppelgänger konfrontiert: Merkur (Jürgen Wink) genießt den Schabernack mit Sosias und treibt dessen Frau Charis (Christina Weiser) in die Hysterie. Die drei Kasseler Komödientalente sorgen mit viel Körpereinsatz in bewährter Weise für die lustigen Momente. Sie sind kostümiert wie Clownsfiguren (Kostüme: Ulrike Obermüller).

Einige Premierenbesucher klagten über mangelhafte Textverständlichkeit. Womöglich lag das an den subtilen Hintergrundgeräuschen des Klangkünstlers Heiko Schnurpel: Er lässt ein bedrohliches Rauschen ins Ohr kriechen.

Wieder am 22., 29.9., 7.10., Karten: 0561-1094-222.

Rubriklistenbild: © Foto:  Klinger

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