Neu im Kino: „A Serious Man“ von den Coen-Brüdern ist eine rabenschwarze Komödie

Mann am Abgrund

Suche nach Orientierung: Michael Stuhlbarg als Larry Gopnik. Foto: Tobis

Es ist die Geschichte vom Zahnarzt, mit der der Rabbi einem verzweifelten Mann Trost spenden will. Mit zeremoniellem Brimborium hebt der Geistliche im Seelsorgegespräch an, sein verwirrtes Schäfchen Larry zu trösten und zu stärken. Und erzählt von dem Zahnklempner, der bei einem Patienten im Mund eine geheime Botschaft entdeckt hat: „Hilf mir“ stand eingeritzt in den Innenseiten der Schneidezähne - in hebräischen Buchstaben.

Und das im Gebiss eines Nichtjuden, eines Goi! Der gebeutelte Larry horcht auf. Zeigt sich Gott dort, wo wir es nicht vermuten? Gibt er uns Zeichen? Was bedeutet diese Geschichte, fragt er den Rabbi - und legt alle Hoffnung in die Frage. Und der? Bricht das Thema ab. Weiß es nicht. Der Zahnarzt habe dann mit dem Golfspielen angefangen. Sprechstunde beendet.

Nur eine von ungezählten großartigen Miniaturen im neuen Film von Joel und Ethan Coen. „A Serious Man“ erzählt von diesem Larry Gopnik, einem Durchschnittstypen in einem Durchschnittsvorort im Mittleren Westen der USA im Jahr 1967, dessen Durchschnittsleben zerbröselt durch einen Schicksalsschlag nach dem anderen.

Die Frau will die Scheidung und ist ausgerechnet mit dem schmierigsten Typen der ganzen Gemeinde zusammen, der Bruder kriegt Probleme mit der Polizei, der Job als Universitätsprofessor ist gefährdet, weil ein Student ihn erpresst, die Tochter bestiehlt ihn, weil sie eine Nasen-OP wünscht, das Auto ist hin, der Scheidungsanwalt nimmt Mondhonorare, der stiernackige Nachbar erhebt Besitzansprüche auf den Gopnik-Vorgarten.

Den Coen-Brüdern ist mit „A Serious Man“ wieder ein Meisterwerk gelungen. Klar ist das auch eine Komödie. Eine von der allerschwärzesten Sorte sogar. Aber vor allem zeichnen die Coens, die auch das Drehbuch geschrieben und unter dem Pseudonym Roderick Jaynes den Filmschnitt übernommen haben, das Sittenbild einer jüdischen Gemeinschaft im Amerika fern der großen Städte (ganz so wie die, in der sie selbst aufgewachsen sind).

Deren Lebensstil und Befindlichkeit werden wie unter der Lupe betrachtet - mit präzis gestalteten 60er-Interieurs und wunderschön fotografiert von Roger Deakins, der mit dem Licht ähnlich suggestiv arbeitet wie Edward Hopper. Hauptdarsteller Michael Stuhlbarg, bisher auf Theaterbühnen aktiv, ist eine Entdeckung für die Leinwand - gerade weil er den Larry Gopnik ganz so spielt, als wäre er nicht Figur in einer Komödie.

Die Coens sind Spezialisten für das Abgründige des menschlichen Lebens. Immer wieder haben sie sich mit jenem Moment beschäftigt, wo einem Menschen die Kontrolle (die auch vorher womöglich gar nicht da war) über sein Leben entgleitet. Hier lassen sie ihre Hauptfigur ganz wie den biblischen Hiob durch zahlreiche Prüfungen gehen, ohne dass er, der rechtschaffene Mann - a serious man - wüsste, warum Gott ihn derart prüfen will. Es ist eben so wie mit der Heisenberg’schen Unschärferelation, die Larry seinen gelangweilten Physikstudenten enthusiastisch beibringen will: Je genauer wir hinschauen, desto weniger blicken wir durch.

Genre: Komödie

Altersfreigabe: ab 12

Wertung: !!!!!

www.hna.de/kino

Von Bettina Fraschke

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