Der Mann aus dem Eis: Bergsteiger Reinhold Messner in Kassel

Nennt sich selbst einen Horizontsüchtigen: Extrembergsteiger Reinhold Messner in der Kasseler Stadthalle. Foto: Hedler

Kassel. Reinhold Messner ist ein Naturphänomen: Seit Jahren erzählt der Südtiroler die immer gleichen Geschichten über das Extrembergsteigen. Und es ist immer wieder ein Erlebnis - wie nun in Kassel.

Reinhold Messner hat nicht nur alle Achttausender überlebt und den Yeti gesehen. Die Bergsteigerlegende aus Südtirol kann auch reden wie ein Wasserfall im Himalaya. In der ausverkauften Kasseler Stadthalle blickte der 71-Jährige vor 1200 Besuchern auf sein Leben zurück. „Überleben“ lautete der Titel des 100-minütigen Multivisionsvortrags. Einen roten Faden gab es nicht (außer der Tatsache, dass es immer um Messner ging), aber dennoch lieferte der fantastische Erzähler wichtige Erkenntnisse.

1) Berge sind eine Befreiung. Als solche hat Messner mit fünf Jahren die Hochalpen erlebt. Da bestieg er seinen ersten Dreitausender, blickte vom Gipfel in die Ferne und sucht seitdem das Weite: „Ich bin ein Horizontsüchtiger, obwohl ich weiß, dass wir den letzten Horizont nie überschreiten können.“

Allerdings: Wenn das einer schafft, dann Messner. Sein Leben handelt im Prinzip davon, immer der Erste zu sein - ob als erster Kletterer ohne Sauerstoffmaske auf dem Mount Everest oder als wahrscheinlich einziger Privatmensch, der fünf Museen betreibt. Dort in den Alpen stellt Messner die Kulturgeschichte des Alpinismus aus. Sein Vortrag ist stellenweise eine Dauerwerbesendung für die Museen.

2) Zu zweit ist man weniger allein. Oft wird Messner als einsamer Wolf beschrieben. Er selbst gesteht: „Ich liebe zwar die Einsamkeit, bin aber am liebsten in der Gruppe. Allein kann man die Ängste nicht teilen.“ Andererseits rät er seinen Zuhörern: „Wer nicht dann und wann allein zurechtkommt, ist anderen nicht zumutbar.“

3) Nicht der Berg macht Fehler, sondern der Mensch. Bergsteiger nennen den Nanga Parbat „Killer Mountain“. Hier erlebte Messner 1970 sein Lebenstrauma, als sein Bruder Günther bei einer gemeinsamen Expedition starb. Messner erzählt seine Version der Geschichte so nüchtern, als ginge es um seine Zeit als EU-Parlamentarier. Vielleicht ist es seine Art, mit diesem Verlust umzugehen, über den so viel geschrieben wurde. Vom Begriff „Killer Mountain“ hält er nichts: „Der Berg ist nicht böswillig, sondern einfach da.“

„Ich habe im Scheitern mehr gelernt als beim Erfolg.“

4) Auf dem Matterhorn stinkt es. Das Schweizer Wahrzeichen ist für Messner „einer der schönsten Berge der Welt“. Auf dem Gipfel gibt es jedoch keine unberührte Natur mehr. Der Massentourismus der Bergsteiger bedroht Messners Welt. Dass er selbst mit seinem Ruhm dafür mitverantwortlich sein könnte, dass die Berge überrannt werden, darüber verliert Messner kein Wort.

5) Das Leben ist wie ein gespannter Bogen - erst geht es aufwärts und dann abwärts. Messner liebt solche Metaphern. Und natürlich liebt er immer noch die Berge. Mit seiner Frau und seinem Sohn besteigt er im fortgeschrittenen Alter Gipfel, die ihm früher zu leicht erschienen. Seine Tochter schenkte ihm zum 70. Geburtstag Schwimmflügel. Der Mann, der die höchsten Berge und die kältesten Eiswüsten überlebt hat, kann bis heute nicht schwimmen.

Zur Person

Geboren: am 17. September 1944 in Brixen (Südtirol) als zweitältestes von neun Kindern

Ausbildung: Studium der Vermessungskunde in Padua

Karriere: Als Extrembergsteiger schaffte es Messner als Erster, alle Achttausender zu erklimmen. Außerdem durchquerte er Grönland, die Wüste Gobi und die Antarktis.

Politik: Von 1999 bis 2004 saß Messner für die italienischen Grünen im EU-Parlament.

Privates: Lebt mit seiner zweiten Frau, mit der er drei Kinder hat, auf Schloss Juval in Südtirol und in Meran. Aus einer früheren Beziehung stammt ein weiteres Kind.

Aktuelles Buch: „Absturz des Himmels“ (288 Seiten, 19,99 Euro) ist bei S. Fischer erschienen.

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