Ray Charles lässt grüßen 

Ein Mann wie ein Jazzclub: Soulstar Gregory Porter im Kasseler Kulturzelt

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Mit warmem Bariton: Jazz- und Soulsänger Gregory Porter beim Auftritt im ausverkauften Kasseler Kulturzelt. Foto: Malmus

Kassel. Kaum ein anderes Konzert beim Kasseler Kulturzelt war in diesem Sommer so schnell ausverkauft wie das von Gregory Porter. Der Weltstar enttäuschte die hohen Erwartungen nicht.

Kurzzeitig befand sich das Kasseler Kulturzelt am Donnerstagabend in New York City. An einem legendären Ort an der 149. Straße, Ecke St. Nicholson Avenue im Stadtteil Harlem. Im Jazzclub St. Nicks Pub. Soulstar Gregory Porter beschwor die flirrende, kreative Atmosphäre dieses derzeit geschlossenen Clubs in einer überwältigenden Soundcollage zum Auftakt seines umjubelten, ausverkauften Konzerts.

Seine vier Musiker pumpten das Energieniveau mit schnellstem Tempo und rasenden Sololäufen in derart atemlose Höhen, als würde das Zelt gleich abheben und durch pure Musikenergie tatsächlich nach Manhattan transportiert werden können. Der Sänger fügte Worte, Melodietupfer, Gesprächsfetzen hinzu - als säße man inmitten des quirligen Treibens im St. Nicks Pub, jammte ein wenig, unterhielt sich, zum Beispiel über Marvin Gayes legendäre Platte „What’s Going On“, deren Klangzitate als Mini-Gruß aus dem Hintergrund aufleuchteten.

Mit diesem Stück legte Gregory Porter die Grundausrichtung seines Auftritts fest. Ein Jazzkonzert, Ensemblespiel. Nicht der große Zampano im Rampenlicht mit einigen Begleitern im Hintergrund. Nein, hier standen fünf gleichberechtigte Künstler auf der Bühne. Mit großer Virtuosität und ausgetüftelten Arrangements präsentierten sich Chip Crawford am Piano, Aaron James am Bass, Emanuel Harrold am Schlagzeug und allen voran Yosuke Satoh am Saxofon - ein Derwisch des Blasinstruments, dessen lange Phrasierungen, schnelle Läufe und knifflige Motivschachtelungen begeisterten. Gespielt wurden in knapp zwei Konzertstunden viele Titel des aktuellen Albums „Liquid Spirit“ - und der Spirit, der Geist des Abends, war Gregory Porter mit seiner raumfüllenden Baritonstimme und phänomenalen Bühnenpräsenz. In wenigen Momenten waren leichte stimmliche Ermüdungserscheinungen spürbar - womöglich hinterlässt die lange Tour doch Spuren.

Mit „Liquid Spirit“, wo das Publikum zum Mitklatschen eingeladen war, erinnerte Porter an seine Mutter, eine Pastorin, die - kleiner Bezug zur Konzertlocation - oft in Zelten aufgetreten sei.

Ray Charles lässt grüßen 

Zu den Höhepunkten gehörten ferner die Detroit-Hommage „1960 What?“, das nostalgische „Be Good“ und das irre schnell gespielte jazzige „Lonesome Lover“, das Porter mit einem ironischen Schlenker zu Ray Charles’ „Hit The Road, Jack“ beschloss.

In seinen Ansagen lobte Gregory Porter den Kasseler Bergpark, den er tagsüber erkundet hatte - und bezog Herkules und Löwenburg prompt in die Anmoderation für seine Songs ein. Was, wenn die Liebe hinter den Mauern verborgen wäre?

Viel Jubel gab es für die Klavierballaden „Hey Laura“ und vor allem „Wolfcry“. Crawford leitete am Flügel den melancholischen Titel mit zärtlichen, verträumten Spieluhrklängen ein und Porter sang vom nassgeweinten Nachthemd, von Tränen und vom Trostspenden. Und plötzlich schien das Konzertzelt nur noch aus dem kleinen Scheinwerferfleck um ihn zu bestehen. Ein intimer Raum.

Von Bettina Fraschke

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