Der Mann, der nichts gelernt hat: Das DT zeigt Goethes „Faust 1 und 2“ in der Göttinger Lokhalle

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Hier wurden Loks repariert: Dramaturg Henrik Kuhlmann (von links), Intendant Mark Zurmühle, Musiker Albrecht Ziepert und Dramaturg Lutz Keßler in der Göttinger Lokhalle.

Göttingen. Es wird das spektakulärste Theaterprojekt der Saison: Das Team des Deutschen Theaters in Göttingen wechselt für den Spielzeitstart von der Bühne in eine Industrieanlage.

In der Göttinger Lokhalle wird das wohl berühmte deutschsprachige Tragödiendoppel gespielt: Johann Wolfgang von Goethes „Faust 1“ und „Faust 2“. Intendant Mark Zurmühle inszeniert.

Wie werden die historischen Hallen in die Inszenierung einbezogen?

Bis zu 250 Zuschauer wandern mit den Schauspielern von Spielort zu Spielort. Los geht’s im Foyer, wo ein Podest mit Fausts Studierstube in die Zuschauermenge hineingefahren wird. Dazu gibt es eine eigens komponierte Bühnenmusik von Albrecht Ziepert.

Kann man sich denn auch hinsetzen?

Ja, es gibt Stühle und Papphocker. Die Sitzgelegenheiten sind an den verschiedenen Spielorten unterschiedlich angeordnet, bei der Gretchentragödie zum Beispiel im engen Kreis, damit eine ganz intime Situation entsteht.

Wie lang dauert der Abend insgesamt?

Reine Spielzeit ist vier Stunden. Zwischen den Teilen eins und zwei gibt es eine Pause.

Wie wurde der Mammuttext bearbeitet?

„Wir haben alle Handlungsbestandteile dringelassen, nur an den Verästelungen gestrichen“, sagt Zurmühle. Noch bis wenige Tage vor der Premiere wird an der Textfassung gearbeitet - „es ist enorm, wie viele Bezüge und Querverweise wir immer noch entdecken“, sagt Dramaturg Lutz Keßler. Das Ganze entstand in intensiver Befassung mit der Arbeit eines berühmten Goetheforschers: des Göttinger Professors Albrecht Schöne.

Wie legt das Produktionsteam die Inszenierung an?

Für Zurmühle spielt das Stück an der Schwelle zur Industrialisierung. Goethe lässt Faust im zweiten Teil zum politischen Herrscher und zum Arbeitgeber werden, seelenlose Gestalten malochen für ihn. Dazu passt das Setting der Lokhalle, die für die Beschleunigung des 19. Jahrhunderts steht, und wo in der Nazizeit Zwangsarbeiter beschäftigt waren.

Wie sieht Zurmühle den Titelhelden?

Problematisch und nicht gerade positiv. „Man muss erst mal alle seine Bilder und Vorurteile zu Goethe und Faust über Bord werfen und sich den nackten Text anschauen“, sagt er. Dann werde klar, dass Faust nichts lernt und für nichts Verantwortung übernimmt. Im Grunde hinterlasse er verbrannte Erde. Zurmühle ist klar, dass Faust oft recht positiv dargestellt wird. Es sei wie bei jedem Klassiker: „Im Goethetext steckt alles drin, man kann den ganz unterschiedlich lesen.“

Und was ist aus Göttinger Sicht mit dem Gretchen?

Für Zurmühle ist klar: „Gretchen wird nicht irre. Die kommt im Kerker zu sich und erkennt, wie sie instrumentalisiert worden ist.“

Welche Rolle spielt Fausts Gegenspieler Mephisto?

„Dem gelingt eigentlich nichts“, sagt Keßler. Noch nicht mal das Gretchen kann er ködern mit seinen Spezialkräften. Dazu benötigt er konventionelle Methoden wie Schmuck.

Das Deutsche Theater beschäftigt sich mit dem Fauststoff noch auf einer weiteren Ebene: Es zeigt Elfriede Jelineks Stück „Faustin and out“. Was hat es damit auf sich?

Die österreichische Nobelpreisträgerin nimmt die Gretchentragödie in den Blick und baut Bezüge zu Schleckerfrauen und zum schockierenden Drama um die gefangen gehaltene Tochter Josef Fritzls mit ein. Dramaturg Henrik Kuhlmann hat aus den Jelinekschen Textflächen von über vier Stunden Sprechlänge einen 90-Minüter erstellt, der mit drei Schauspielerinnen passenderweise im Goethe-Institut gezeigt wird.

Der Aufführungzyklus bietet zahlreiche Termine bis 10. Oktober. Premiere ist am Samstag, 28.9., 19 Uhr, in der Lokhalle hinter dem Bahnhof. Ein weiterer Aufführungzyklus für Anfang 2014 ist in Planung. Premiere für „Faustin and out“ ist am Freitag, 20 Uhr, im Goethe-Institut, Merkelstraße 4. Kartentelefon: 0551-496911.

Von Bettina Fraschke

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