Ein Mann, ein Wörterbuch: Gerard Depardieu als Analphabet Kinofilm „Das Labyrinth der Wörter“

Taubenfüttern wird zur Nebensache: Das ungleiche Paar Germain (Gerard Depardieu) und Margueritte (Gisèle Casadesus) trifft sich regelmäßig auf einer Parkbank. Foto:  Concorde

In dem kleinen französischen Städtchen schauen alle auf Germain (Gerard Depardieu) herab. Seine Mutter hat zeit ihres Lebens den ungewollten Sohn nur mit Schimpftiraden belegt. In der Kneipe machen sich die Saufkumpanen über den Einfaltspinsel lustig. Germain ist ein sehr schlichtes Gemüt, aber gerade noch schlau genug, um zu merken, wie dumm er ist.

Darin liegen die Tragik und die Chance der Figur, wie sie Marie-Sabine Roger in ihrem Roman „Das Labyrinth der Wörter“ beschreibt, der nun von Jean Becker („Tage oder Stunden“) für die Leinwand adaptiert wurde. Denn eines Tages trifft Germain beim Taubenfüttern im Park eine feine, alte Dame.

Promovierte Biologin

Die 95-jährige Margueritte (Gisèle Casadesus) lebt in einem Altersheim, ist promovierte Biologin und vor allem eine begeisterte Leserin. Bei ihren wöchentlichen Treffen im Park trägt sie Germain Albert Camus’ „Die Pest“ vor und zieht den Analphabeten immer tiefer hinein in die Welt der Literatur.

Anders als seine französischen Regiekollegen hat sich Jean Becker von dem bourgeoisen Paris immer fern gehalten. Von „Ein mörderischer Sommer“ (1983) bis zu „Dialog mit meinem Gärtner“ (2007) widmete er sich dem einfachen Leben in der französischen Provinz, und da passt Rogers Roman nur zu gut ins Konzept. Obwohl Becker seinen Film sehr eng an der Vorlage entlangführt, lässt sich die wichtigste Eigenschaft Germains, nämlich seine Selbstreflektionsfähigkeit, nur schwer auf der Kinoleinwand darstellen.

Da kann sich Depardieu noch so gekonnt bemühen und einige Aha-Erlebnisse ins gutmütige Gesicht zaubern - der langsame Prozess der ersten intellektuellen Erfahrung, wie er im Buch beschrieben wird, lässt sich ohne gedankliche Innenansicht nur schwer vermitteln.

Und so entsteht in Beckers Film das, was der Roman schon nicht immer erfolgreich zu vermeiden suchte: eine paternalistische Haltung zur minderbemittelten Hauptfigur, deren kulturelles Erwachen hier auf allzu betuliche Weise zelebriert wird.

Genre: Drama

ohne Altersbeschränkung

Wertung: !!!::

www.hna.de/kino

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