Die Manns - furchtbar faszinierend

Tilmann Lahme

Tilmann Lahme stellte sein Buch „Die Manns" über die Familie von Nobelpreisträger Thomas Mann in Vellmar vor.

Vellmar. Vielleicht kann man sich das Vorhaben des Autors Tilmann Lahme am besten anhand eines Mobiles vorstellen: Es besteht aus einzelnen Objekten, die jedoch immer allesamt aufeinander bezogen, ja aneinander gebunden sind, in fragilem Gleichgewicht, doch stets in Bewegung.

So setzt der frühere FAZ-Redakteur, der Mediengeschichte und Publizistik an der Universität Lüneburg lehrt, „Die Manns“ in Beziehung. Sein viel gerühmtes Buch über Nobelpreisträger Thomas Mann, seine Frau Katia als „Kommunikationszentrum“ der Familie und die sechs Kinder stellte Lahme Donnerstagabend auf Einladung des Literaturvereins Ecke und Kreis im vollen ev. Kirchenzentrum in Vellmar vor.

„Es ist eine schreckliche Familie“, sagte Lahme, „und es ist eine unglaublich faszinierende Familie.“ Ein Genie bildet das Zentralgestirn, talentierte Kinder wachsen im Schatten von dessen Werkbesessenheit auf. Die Familie liefert Thomas Mann das Material für sein literarisches Schaffen, sie wird aber auch „das erste Opfer“ seines Erfolgs. Dazu Exil, Unglück, Katastrophen: „eine entsetzlich traurige Geschichte“.

Wie Schauspieler auf einer Bühne lässt Lahme immer einzelne Protagonisten nach vorn treten, er richtet den Scheinwerfer mal auf dieses, mal auf jenes Kind in ihrer Beziehung untereinander und zu den Eltern. Lauter Deutungen, Legendenbildungen und Lügen, die ein harmonisches Bild für die Öffentlichkeit zu inszenieren halfen, rückt er gerade. Auch anhand eines sensationellen Funds von Kisten mit Briefen Erika Manns, die im Zürcher Thomas-Mann-Archiv irgendwie verschüttgegangen waren.

Lahme las ausgesprochen souverän zwei längere Passagen von 1937 und 1948. Dazwischen lag der Krieg. „Man kann sich diese Familie ohne Hitler, ohne Exil gar nicht vorstellen“, sagte Lahme. Eine Familie im Kampf gegen das Böse – nach 1945 fehlte diese Klammer des alle verbindenden Ziels.

Auf die Frage, inwiefern sich seine Sympathien für die Manns verschoben hätten, antwortete Lahme, vor allem der jüngste Sohn, Michael, sei ihm auch wegen der Neigung zu Gewaltausbrüchen nicht nahe gerückt. Anders Klaus, der, „unglaublich talentiert“, mit seiner Drogenabhängigkeit gekämpft habe: „Er ist der tragischste Fall.“ Ein Leben, das er wie „einen Verkehrsunfall in Zeitlupe“ empfinde.

Von Mark-Christian von Busse

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