Marc Piollet dirigierte: Drei starke Abschiede

In Kassel gefeiert: Sopranistin Lydia Easley und Dirigent Marc Piollet. Foto: Zgoll

Kassel. Einen einzelnen Höhepunkt hatte das Sinfoniekonzert des Kasseler Staatsorchesters am Montagabend nicht: Es bestand ausschließlich aus Höhepunkten.

Drei Topwerke der Musikgeschichte hatte Marc Piollet (50), von 1997 bis 2003 Kapellmeister in Kassel, für sein Gastkonzert ausgewählt. Drei Werke, in denen sich Komponisten existenziell mit der Welt auseinandersetzen - und von ihr Abschied nehmen.

Stufenweise ins Nichts führen die drei Bruchstücke aus Alban Bergs Oper „Wozzeck“ für Sopran und Orchester. Besingt die Opern-Marie anfangs noch zu schräger Marschmusik die Soldaten, schreit sie im zweiten Fragment vergebens nach dem „Herr(n) Gott“, um dann ganz zu verstummen, ehe im schwindelerregenden dritten Teil auch im Orchester das sinnlose Kreisen abbricht. Ganz ohne Pathos, fast wie für sich, sang Gastsolistin Lydia Easley ihren Part.

Gefühlsgesättigt ist die Rückschau, die Richard Strauss in seinen nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen „Vier letzten Liedern“ hält, ein letztes Aufleuchten der Romantik. Und ein letzter Höhepunkt. Den „Frühling“ auf einen Text von Hermann Hesse hätte man am liebsten festhalten wollen. Unglaublich, in wie vielen vokalen Farben Lydia Easly ihn aufblühen ließ und dabei gerade in der Höhe ihren vollen weichen Glanz entfaltete.

Traumhaft schwebend unterlegte Piollet den orchestralen Klangteppich. Auch das letzte Lied, „Im Abendrot“ von Joseph von Eichendorff, beschließt Strauss nicht trauernd, sondern fragend - mit Vogelgezwitscher der Piccoloflöte.

Ein anderes Weltende verkündet Richard Wagner in der „Götterdämmerung“. In der von Marc Piollet zusammengestellten knapp einstündigen Instrumentalfassung steuert alles auf Brünnhildes Schlussgesang „Starke Scheite schichtet mir dort“ zu, den verklärenden Weltenbrand, der auch ohne Worte alles sagt.

Ein krasser Gegensatz zu einer Opernaufführung ist so eine Konzertfassung, weil der Orchesterklang, der sonst geheimnisvoll aus dem Graben aufsteigt, hier völlig offenliegt. Auch das Staatsorchester musste sich erst darauf einschwingen, dann aber zogen Siegfrieds Rheinfahrt, die finstere Welt Hagens, Siegfrieds gewaltsame Todesmusik und schließlich der „Ring“-Schluss mit dem letzten schmerzhaften Aufbäumen bruchlos und nahtlos an den Zuhörern in der ausverkauften Stadthalle vorüber.

Und Piollet, der als Dirigent neben der von ihm gewohnten Intensität und feinen Klangdisposition noch zusätzliche gestalterische Freiheit gewonnen hat, wurde ebenso wie das Orchester und die Solistin nach diesem außergewöhnlichen Konzertabend heftig gefeiert.

Von Werner Fritsch

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