"Die Seele reift, es ist nie zu Ende"

Interview: Filmstar Marianne Sägebrecht kommt nach Kassel

Kassel. Die Beschäftigung mit Tod und Sterben kann die Angst davor mindern. Trost will Marianne Sägebrecht mit einem Gedicht- und Musikabend spenden, mit dem die Filmdiva ("Out Of Rosenheim") am Samstag im Kasseler Schauspielhaus gastiert.

Wie ist Ihre Haltung zum Tod?

Marianne Sägebrecht: Für mich war schon sehr früh der Tod ganz natürlich. Ich bin mit 14, 15 Jahren bei einem Kaplan mitgegangen in eine Klinik. Er gab Totkranken die Letzte Ölung, wir Realschülerinnen haben vorgelesen und die Hand gehalten. Mir ist es ein großes seelisches Anliegen, dass man den Menschen die Angst nimmt, ihnen zeigt, dass es weitergeht.

Wie haben Sie das Programm mit "Sterbeliedern fürs Leben" zusammengestellt?

Sägebrecht: Der Dichter und Musiker Josef Brustmann und ich haben aus unseren gesammelten Gedichten eine CD gemacht. Dann kam die Anfrage, ob wir das Programm auf der Bühne zeigen. Wir haben gemerkt, dass es sich stark verbindet mit dem Publikum und dass dem vor allem die Ruhe gefällt, die darin steckt. Die habe ich verteidigt, obwohl alle gesagt haben, das kann man nicht machen, die Leute wollen dauernd Höhepunkte. Das Gedicht steht ganz ruhig im Raum, dann kommt Musik, wo man wieder ausatmen kann. Mir ist es ein Herzensanliegen. Immer voller Liebe.

Können Texte Trost spenden?

Sägebrecht: Ja. Jeder nimmt sie unwillkürlich auf und kann die Aussage fühlen.

Was macht die Wirkung aus?

Sägebrecht: Es ist bei den Dichtern immer ein Hoffnungsschimmer dabei. Khalil Gibran sagt etwa, die Blume geht zugrunde, aber der Same bleibt. Das tröstet mich. Am Schluss wird es in unserem Programm aber heiter, man kommt wieder ins Leben rein und kann lachen.

Sie sagen, es geht nach dem Tod weiter. Was bedeutet das für Sie?

Sägebrecht: Ich glaube, dass sich die Seele sättigt mit Wissen und Erfahrungen. Und dass das überlebt. Der Körper geht zur Erde. Die Seele reift weiter, es ist nie zu Ende.

Welche Erfahrungen haben Sie selbst mit dem Tod?

Sägebrecht: Ich wünsche mir, dass jeder Mensch, so wie er eine Hebamme bei der Geburt hat, auch eine Hebamme hat, wenn er geht. Jemanden, der ihm auf die andere Seite hilft. Bei meiner Mama haben wir in diesem Sinn eine Hausgeburt gemacht. Ich hatte keine Angst. Meine Schwester schon. Aber sie sagt, sie ist seitdem weitaus stärker. Es war ganz leicht. Bei der Sterbenden gab es Einatmung, eine Ausatmung, dann kam das Lächeln. Ich habe meine Mutter gewaschen und eingeölt, dann haben wir die Rituale gemacht mit dem Rosenkranz. Rituale helfen der Seele, dass sie begreift.

Wie sind Sie heute von christlicher Tradition geprägt?

Sägebrecht: Sehr. Ich sage den Nachbarn, ihr geht am Sonntag in eure Kirche, ihr seid bekennende Christen, ich bin praktizierende Christin. Ich begleite Menschen beim Trauern. In allen großen Religionen wird das Du-Prinzip gelebt. Wenn ich mich im Du spiegele, muss ich nicht immer denken, was ist mit mir. Man muss zum Du. Dann geht es einem besser.

Sie leben seit 1999 auf dem Land. Wie geht es Ihnen da?

Sägebrecht: Mit meinen Kräutern und Büchern wunderbar. Die Leute haben vorher zu mir gesagt, das schaffst du als Promitussi nicht. Aber neulich sprach ich mit einem über Leben und Tod. Ich denke ja, es steht für jeden Tag und Stunde geschrieben. Da sagte mir der zustimmend: Im ersten Windelschiss steckt die ganze Lebensgeschichte drin. Ist das nicht wunderbar?

Was sind Ihre nächsten Projekte?

Sägebrecht: Ich mache nur das, hinter dem ich stehen kann. Ich spreche kein Wort, auch in meinen Filmen nicht, das nicht absolut zu mir passt. Ich habe keinen Besitz, brauche nicht viel, bin frei. Als nächstes fliege ich nach Surinam auf den Spuren meiner Jugendheldin Maria Sibylla Merian, der Naturforscherin. Ich schreibe über sie und möchte diese außergewöhliche Frau aufblühen lassen.

Opernhaus Kassel, 21.6., 19.30 Uhr, Tel.: 0561-1094-222.

 

Zur Person

Marianne Sägebrecht (67) aus Starnberg ist Schauspielerin. Berufliche Anfänge in Labor, Arztpraxis, Gastwirtschaft und Kleinkunst. Sie spielte Theater, etwa auch in Göttingen, und wurde mit Filmen wie „Zuckerbaby“, „Out of Rosenheim“ und „Der Rosenkrieg“ berühmt. 2012 erschien der Film „Omamamia“ nach längerer Pause. Sie war verheiratet, hat Tochter und Enkelin und lebt allein auf dem Land in Bayern.

Von Bettina Fraschke

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