Martin Parr beim Kasseler Fotobookfestival

Bilder von Martin Parr: „USA. Florida. Miami. 1998“ .

Kassel. Das Kasseler Fotobookfestival, dessen siebte Auflage am Donnerstag beginnt, nennt sich selbstbewusst das „weltweit wichtigste jährliche Forum für fotografische Künstlerbücher“. Tatsächlich steht in diesem Jahr - neben der Fotobuchproduktion in Spanien und Portugal und spannenden Neuerscheinungen - derjenige Fotograf im Mittelpunkt, der als Sammler und Herausgeber so viel für die Popularität von Fotobüchern getan hat wie niemand sonst: Martin Parr.

Der Brite, gerade 62 geworden, kommt diesmal nicht als Experte für Fotobücher, über die er ein Standardwerk herausgegeben und von denen er zigtausende gesammelt hat, sondern als Autor seiner eigenen Bücher nach Kassel: zu Vorträgen, Diskussionsrunden, zum Signieren einer eigens fürs Festival entworfenen Edition von Postern sowie einer „Menükarte“ mit Parr-Drucken und zum Dinner „Say Cheese!“.

Dafür wird sich das Dock 4 in ein Martin-Parr-Universum verwandeln. Set-Designerin Alice Hodge schafft eine Atmosphäre, die der Bilderwelt des Magnum-Fotografen entspricht, Tochter Ellen Parr wird die Optik der von ihrem Vater typisch-trashig fotografierten Speisen aufgreifen und verspricht ein fünfgängiges, köstliches Menü. Preis: 56 Euro.

Parr wird von vielen für seinen lakonischen, ironischen Humor geschätzt - und von anderen als Voyeur und Zyniker kritisiert. Parr, der mit Aufnahmen vom britischen Strandleben bekannt wurde, liebt die Skurrilitäten des Alltags, geschmackliche Entgleisungen, das Kuriose und Groteske, die grelle Zuspitzung. Zynisch sei eine Gesellschaft, sagt Parr, die glaube, alles müsse perfekt aussehen wie in Prospekten. Er fotografiere intuitiv, ungeschönt, wolle Menschen aber nicht absichtlich dumm aussehen lassen und lächerlich machen: „Ich versuche nur, alles so erscheinen zu lassen, wie es ist.“

Zur Person

Als Kind hat Martin Parr (62) Vogelnester und Briefmarken gesammelt, als Erwachsener kamen Propagandabücher, Maggie-Thatcher-Teller, Uhren und Tassen mit dem Konterfei von Diktatoren hinzu. Nur im Wohnzimmer im heimischen Bristol darf auf Wunsch seiner Frau Susie keines seiner 13 000 Fotobücher stehen. Der 1952 in Epsom, Surrey, geborene Parr verdankt die Leidenschaft des Fotografierens seinem Großvater, von dem er die erste Kamera bekam, und die nötige Geduld seinem Vater, einem begeisterten Vogelbeobachter. Studiert hat er in Manchester, seit 2013 lehrt er an der University of Ulster in Nordirland. Seit 1994 ist der Poker-Fan Mitglied der berühmten Agentur Magnum. Die Abstimmung pro Parr fiel damals mit einer Stimme Mehrheit denkbar knapp aus. Manche Kollegen hielten Parrs Bilder für zu wenig ernsthaft. Jüngste Ausstellung: „We love Britain!“ in Hannover.

Service

Das Kasseler Fotobookfestival findet vom 4. bis 7. Juni in der documenta-Halle, Du-Ry-Straße 1, in Kassel statt. Tageskarte: 9, Dauerkarte 18 Euro. Eröffnung: Donnerstag, 18 Uhr, Eintritt frei. Zum Programm gehören Vorträge, Workshops, Ausstellungen, ein Büchermarkt, Portfoliosichtungen, Partys und eine Preisverleihung - der Gewinner des Dummy Awards erhält eine komplette Buchproduktion bei k-books. Infos:

www.fotobookfestival.org

Von Mark-Christian von Busse

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