Martina Gedeck beim Literarischen Frühling

Ausdrucksstark: Martina Gedeck in Bad Wildungen. Foto: Jäger

Nach Martina Gedecks Stimme kann man süchtig werden - nicht nur auf der Leinwand, sondern auch bei einer Lesung. Beim Literarischen Frühling überraschte sie mit einem Bekenntnis.

Bad Wildungen. Ausgerechnet „das Stumme“ schätzte Martina Gedeck an ihrer Rolle im Kinofilm „Die Wand“. „Ich hab das sehr geliebt, dass ich nicht sprechen musste“, sagte die 54-Jährige am Samstag bei ihrer starken Lesung aus dem Marlen-Haushofer-Roman beim Literarischen Frühling in der ausverkauften Wandelhalle im Bad Wildunger Kurpark.

Und das, obwohl sie eine so phänomenale Stimme hat. Warm, ein bisschen rauchig, eine Stimme, nach der man süchtig werden könnte. Ungemein präzise liest Gedeck, keine Silbe geht verloren. Im Gespräch mit Festival-Mitveranstalterin Christiane Kohl (Landhaus Bärenmühle) spricht sie ganz anders, ihre Ausstrahlung ist nun viel offener, sie lacht ausgelassen und gesteht ihre „Sehnsucht, endlich mal komische Sachen zu machen“.

Gedeck („Das Leben der Anderen“, „Bella Martha“) hat schon Ulrike Meinhof, Clara Schumann und die DDR-Schriftstellerin Brigitte Reimann gespielt, sie ist gerade als Anne Franks Mutter im Kino zu sehen und dreht als Staatsanwältin in Ferdinand von Schirachs „Terror“, der Verfilmung des Dramas, das gerade in Kassel Premiere hatte. Viele sehr ernste Rollen. Vielleicht, hofft sie, werde sie irgendwann als „komische Alte“ entdeckt.

An der „Wand“ schätzt Gedeck die Einfachheit, Radikalität und Schärfe. Sie versteht den Roman als Parabel für Heilung. Die gläserne Wand, durch die ihre Figur in einer Jagdhütte in einem Bergtal von der Welt getrennt ist, sieht sie als Zeichen von Depression, Traumatisierung. Hund, Katze, Kuh, die sie überleben lassen, aktivieren Selbstheilungskräfte.

Ihre anfängliche Arroganz gegenüber den Tieren habe sie in einem „Dialog von Herz zu Herz“ abgelegt, erzählt Gedeck. Sie habe von ihrer Kreatürlichkeit gelernt, dem „Erleiden und Ausgeliefertsein“ der Tiere. Die seien fähig, sich mit etwas abzufinden, ohne resignativ zu sein. Dieses Vertrauen ins Leben, unabhängig von Verstand und Bewusstsein, sei uns Menschen abhandengekommen. In ihrer Rolle fühlte sie sich aufgehoben in der innigen, zutraulichen Verbindung zu den Tieren in der spektakulären Natur. Magische Momente.

Gedeck erzählt vom „Annäherungsprozess“ an ihre Rollen, von Dreharbeiten in Italien und mit US-Regisseuren, von ihrem Ideal, wenn „keine Kluft zwischen mir und meinem Tun“ ist, wenn sie sich beim Spielen fallen lassen, hingeben kann: „Ich liebe den selbstvergessenen Lebenszustand.“ Der Beifall der fast 400 Besucher ist ungewöhnlich lang und herzlich. Gedeck umarmt Kohl zum Schluss, „sehr sympathisch“, flüstert eine Frau.

Von Mark-Christian von Busse

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