Sänger aus Homberg nach Herzmuskelentzündung zurück auf der Bühne

Matthias Reim im Interview: "Ich bin nicht Mister Unverwundbar"

Voriges Jahr wusste Matthias Reim nicht, ob er je wieder auf der Bühne stehen würde. Nun meldet sich der aus Homberg stammende Schlagersänger nach einer Herzmuskelentzündung zurück.

Ein Album von Matthias Reim heißt „Sieben Leben“. „Mittlerweile bin ich beim neunten“, sagt der aus Homberg (Efze) stammende Schlagersänger, der schon 14 Millionen Euro Schulden hatte und voriges Jahr fast tot war. Wegen einer Herzmuskelentzündung musste Reim alle Termine absagen. An diesem Freitag erscheint sein Album „Phoenix“. Der geläuterte 58-Jährige sagt, das Rennen nach Ruhm sei nicht mehr alles für ihn.

Sie haben gerade eine Autogrammstunde in Rostock abgesagt. Muss man sich wieder Sorgen um Sie machen? 

Matthias Reim: Den Termin haben wir nur aus zeitlichen Gründen abgesagt. Aber mit solchen Sorgen lebe ich, seitdem ich weiß, dass ich nicht mehr Mister Unverwundbar bin. Ich gehe viele Sachen jetzt vorsichtiger an. Da kannst du nicht mittags eine Autogrammstunde in Rostock machen und dann mit dem Helikopter ins Fernsehstudio nach Hamburg fliegen. Ich renne nicht mehr rum wie ein Geisteskranker, denn das hat mir letztes Jahr den Rest gegeben.

Erst hatten Sie nur einen Leistenbruch, dann aber eine Herzmuskelentzündung. Wie schlimm war das? 

Reim: Ich wurde an beiden Leisten operiert und sollte vier Wochen Ruhe halten. Aber nach zwei Wochen hatte ich ein Konzert in der Schweiz vor 15 000 Leuten. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Ich dachte, so eine Chance kannst du dir nicht entgehen lassen. Also bin ich mit Fieber aufgetreten. Wir Musiker sagen ja nur ab, wenn wir nicht mehr aufstehen können. Nach meinen harten Zeiten ist an Rente bei mir noch nicht zu denken. Ich muss einfach arbeiten. Wenig später trat ich in Chemnitz auf und hatte nur noch 15 Prozent Herzkraft. Mir tat alles weh, aber ich wusste nicht, was ich habe. Erst dann bin ich ins Krankenhaus, wo mir die Ärzte sagten, sie wüssten nicht, ob ich jemals wieder auf die Bühne könnte.

Würden Sie heute in so einer Situation wie in der Schweiz wieder auftreten? 

Reim: Ich glaube nein, aber ich weiß es nicht. Dafür kenne ich mich zu gut.

Vor einigen Jahren hatten Sie fast 14 Millionen Schulden. Auch das haben Sie überstanden. Wie viel Leben hat Matthias Reim eigentlich? 

Reim: Ich habe mal ein Album gemacht, das „Sieben Leben“ hieß. Mittlerweile bin ich mindestens beim neunten. Irgendwie fängt es bei mir immer wieder von vorn an, aber nie ganz von vorn.

In „Erlöse mich“ singen Sie, dass Sie immer noch rauchen und trinken. Ganz vernünftig sind Sie also immer noch nicht? 

Reim: Nein, den Rock’n’Roller kriege ich nicht ganz aus mir raus. Ein Alkoholproblem habe ich nicht, aber von den Zigaretten komme ich nicht los. Gerade erst habe ich zwei gescheiterte Anläufe hinter mir. Meine Ärzte sagten mir allerdings, dass man mir vom Rauchen nichts ansieht. Da habe ich wohl Mega-Gene. Und seit der Reha quält mich ein Personal Trainer sechsmal in der Woche. Ich habe Muckis, ein V-Kreuz und Kondition gekriegt. Ich habe mehr Power als vor 20 Jahren.

Musikalisch steigen Sie nun wie Phoenix aus der Asche auf. 

Reim: Die Idee mit dem Namen hatte mein Co-Autor. Ein geiler Albumtitel.

Stimmt, musikalisch ist das Album mit melancholischen Rock-Balladen wie „Zu früh um zu gehen“ und Partysongs abwechslungsreicher denn je. Inwiefern hat Ihnen das Songschreiben geholfen? 

Reim: Die ersten sechs Wochen hatte ich überhaupt keine Lust. Aber dann habe ich mir eine schwedische Hagström-Gitarre gekauft, die ich 1971 schon zur Konfirmation geschenkt bekommen hatte. Damals stand sie drei Tage vor der Konfirmation im Schlafzimmer meiner Eltern. Ich habe mich reingeschlichen und ein bisschen gespielt. Das hat mein Musikerleben eingeläutet, bis ich sie in Zahlung geben musste, um einen neuen Bass zu kaufen, weil unser Bassist ausgestiegen war. Nun entdeckte ich die Gitarre im Internet. Sie wieder in der Hand zu halten, war Magie pur. Plötzlich hatte ich wieder Lust, Songs zu schreiben. Ich spiele keine andere Gitarre mehr.

Mit der rockigen Ballade „Asyl im Paradies" gibt es auf „Phoenix” sogar einen sehr politischen Song. 

Reim: Leider ist er nicht von mir, sondern von der Ostrock-Band Silly. Ich hörte ihn per Zufall und dachte: Wow, die haben die Zukunft vorausgesagt. Man kann ihn auf alles beziehen. Gerade heute, wo wir über die Flüchtlingsfrage diskutieren.

Obwohl sie meist über das Macho- und Partyleben singen, haben Sie also auch eine politische Botschaft? 

Reim: Politik und Menschlichkeit sind nicht voneinander zu trennen. Ich bin ein sehr sensibler Mensch und kann mich in alle reinversetzen. Ich kann die Flüchtlinge verstehen, die einfach am Leben bleiben wollen und irgendwohin müssen. Direkt neben meinem Haus ist eine Turnhalle voll mit jungen Männern. Die tun mir so leid. Aber ich kann auch die Menschen verstehen, die Angst vor dieser anderen Kultur haben und nun Gitter vor ihre Villenfenster anbringen. Das sind alles Urängste. Damit umzugehen, ist eine gigantische Herausforderung.

„Marie“ handelt von Liebeskummer. Wie glücklich sind Sie mit Freundin am Bodensee? 

Reim: Wir sind ein sehr glückliches Paar. Sie ist ja auch Sängerin. Wir haben jetzt drei Studios in meinem Haus. Eins für sie, eins für meinen Sohn Julian und eins für mich. Ich habe natürlich das Größte.

Als Sie 40 waren, sagten Sie, Sie hätten 80 feste Freundinnen gehabt. Und da waren die Affären noch nicht einmal berücksichtigt. 

Reim: So ein dummes Geschwätz. Das war die blöde Kuh Katja Kessler, die mich das gefragt hat.

Die Frau des „Bild”-Herausgebers Kai Diekmann? 

Reim: Genau. Sie fragte mich, wie oft ich schon verliebt gewesen sei. Ich antwortete, dass ich mich sogar in der U-Bahn in eine fremde Frau verlieben kann, die ich dann nie wiedersehe. Ich spüre das. Das sei mir bestimmt schon 80-mal passiert. Daraus hat sie dann gedreht: „Matthias Reim - schon 80 feste Freundinnen!“ So ein Blödsinn. Ich war dreimal verheiratet und hatte sieben oder acht Freundinnen. Single war ich nie.

Nun gehen Sie wieder auf Tour und treten im September sogar vor 12.000 Fans in der Berliner Wuhlheide auf. Nur in Kassel und Göttingen, wo Sie groß geworden sind, kann man Sie schon wieder nicht erleben. 

Reim: Ich weiß auch nicht, warum die das nicht rein nehmen. Göttingen halte ich für weniger klug. Das ist eine Studentenstadt, wo die Menschen zu intellektuell sind. Die trauen sich nicht, zu mir zu kommen. Aber Kassel wäre toll. Das würde voll werden wie 2008 beim Hessentag in Homberg.

Haben Sie noch Kontakte nach Nordhessen? 

Reim: Leider nicht. Mein Vater hat nach dem Tod meiner Mutter das Haus in Homberg verkauft und lebt mittlerweile in Marburg. Alle, die ich kannte, sind weggezogen. Ich vermisse das Nachhausekommen mehr, als ich gedacht hätte. Das hat ein Riesenloch in mein Leben gerissen.

„Phoenix“ ist bei RCA/Sony erschienen.

Zur Person

Geboren: am 26. November 1957 in Korbach

Ausbildung: Studium der Germanistik und Anglistik in Göttingen

Musikalische Anfänge: Gründete mit zehn Jahren die Schülerband Rhyme River Union. Später komponierte er für Roy Black und Jürgen Drews.

Durchbruch:  1990 mit „Verdammt, ich lieb dich“ Privates: Vater von fünf Kindern, lebt nach drei Ehen mit der 32 Jahre jüngeren Schlagersängerin Christin Stark am Bodensee.

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