Anton Bruhin, Mara Genschel und Nora Gomringer im Kunsttempel

Auf dem Maul getrommelt

Sprachartisten: Anton Bruhin (von links), die Deutsch-Sprachpreis-Trägerin Nora Gomringer und Mara Genschel. Foto:  Gebhardt

Kassel. Generationenübergreifend präsentierte sich die Poesie-Reihe „3 durch 3“ am Freitagabend im Kunsttempel als Auftakt zur Eröffnung der neuen Ausstellung. Anton Bruhin (Jahrgang 1949), Schweizer Universalkünstler und Maultrommelvirtuose, wurde flankiert von zwei jungen Poetinnen: Mara Genschel (geboren 1982) und Nora Gomringer (1980). Letzterer wurde unlängst der Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache zuerkannt, der im Herbst in Kassel verliehen wird.

Anton Bruhin begann mit Palindromen, also Wortspielereien, die sich von vorn und von hinten lesen lassen: „Sage du zu Degas“, „Baue neu ab“, „Planetoid Idiotenalp“. Das ist höhere Bastelarbeit im Reich der Buchstaben und Bedeutungen, aber besser zu lesen als zu hören, zumal, wenn der ungewohnte Schweizer Klang das Verstehen erschwert. Bruhins Maultrommel-Intermezzi sind viel aufregender. Unglaublich, welch rhythmische und melodiöse Möglichkeiten er dem Westentasche-Instrument entlockt.

Bei Mara Genschel wurde es dann ernst. Ihre Stimme ist betont leise und fragil. Irritierend, wie sie die Stille zwischen den hochartifiziell gesetzten Worten mit einem Schuss Dramatik auflädt. Der Rhythmus stockt, die Stopp-Taste des Kassettenrekorders klackt zwischen den Bedeutungsfetzen. Worum geht es eigentlich? Die Frage erübrigt sich bei Nora Gomringer.

Sie teilt mit und aus, und das mit Wucht und Verve, Witz und Wonne, Lust und Laune, gemäß dem Motto: „Es gibt keine Texte ohne Lärm.“ Die Blutarmut vieler Textrezitationen, genannt „Lesung“, kann man bei ihr aufs Angenehmste vergessen. Sie legt sich rein in die Sprache, ruft, singt, flüstert, schwätzt, sprüht und sprudelt. Man nennt das ja „Poetry-Slam“. Wie das zu übersetzen wäre? Vorschlag Gomringer: „Maultrommeln.“ Womit wir wieder bei Bruhin wären.

Ausstellung im Kunsttempel, Friedrich-Ebert-Str. 177, bis 31. 7., Fr -So, 15 -18 Uhr.

Von Andreas Gebhardt

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