Vom Geheimtipp zum Liebling der Pop-Presse

Dr. Maus erobert die Popbühne

Amerikanischer Musiker mit Doktortitel: John Maus.  Foto: nh

Es gibt Menschen, die einem auf die Frage, was man über die neue John Maus schreiben könnte, tatsächlich raten, man solle einfach eine typische Depeche-Mode-, OMD- oder Gary-Numan-Plattenkritik von 1980 oder ’81 umschreiben. Nach dem Motto: Mit solchen Kitschsynthies und klapperdürren Drums käme man nicht weit. Natürlich darf man keine Sekunde auf solche Menschen hören.

John Maus also. Vor ein paar Jahren noch ein ausgesprochener Geheimtipp, ist er auf dem besten Wege, zum Liebling der „aufgeklärten“ Poppresse zu werden. Das hat auch mit den Konzerten zu tun: Denn wenn der Amerikaner aus Austin in Minnesota für irgendetwas noch berühmter ist als dafür, einen Ph.D. (die amerikanische Doktorwürde) in Politikwissenschaften zu tragen und im Zuge dessen Thesen der Philosophen Slavoj Zizeks und Alain Badiou pop-lebendig werden zu lassen, dann für die Bühnenshow.

Das Problem beim Beschreiben besonders gelungener Live-Shows liegt freilich in der bloßen Behauptung dessen: Die schweißtreibende Wucht und das angenehme Verstörungspotenzial eines typischen Maus-Auftritts kommen einfach nicht rüber, wenn man von einer mit hochgerissenen Armen wild umherhüpfenden, mitunter jäh loskreischenden Maus schreibt.

Die Musik ist trotzdem schön, gleitet sphärisch dahin, manchmal kickt sie sogar ein bisschen. Postpunk- und New-Wave-Fans mit Hang zur Melancholie sollte diese Musik eigentlich rundum glücklich machen. Obgleich man niemandem, der sich nach zwanzig Minuten übersättigt fühlt, einen Vorwurf machen darf: Das Album „We Must Become the Pitiless Censors of Ourselves“ platzt vor pastoralem Kitsch aus allen Nähten.

Maus, der seine Shows für Unterwerfungen unter die „Wahrheit der Kunst“ hält – das hat er von Badiou –, ist beseelt von der Vorstellung, „dass es etwas gibt, das jedes System überschreitet“. Wenn er „Let’s kill the cops tonight“ nuschelt, meint er mit Cops „die unmenschlichen Imperative unserer Welt, die uns davon abzuhalten versuchen, ein freies, selbstbestimmtes Leben zu führen“. Ja, warum singt er’s dann nicht?

John Maus: We Must Become The Pitiless Censors of Ourselves, Upset! The Rhythm/Cargo. Wertung: !!!!:

Von Michael Saager

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