Interview: Medienexperte Jo Groebel spricht über Sendertreue und Erwartungen

Viele Filme, die in einer Erstausstrahlung auf einem unbekannteren Sender wie Arte gezeigt werden, finden wenig Beachtung. Erst wenn ein populärer Sender wie die ARD sie wiederholt, steigen die Quoten.

Beispiel: Der Film „Buddenbrooks“ erreichte am 23. Dezember auf Arte 1,52 Millionen Zuschauer und wenige Tage später auf ARD 3,87 Mio. Medienexperte Jo Groebel erklärt, warum das so ist und wie vor allem die öffentlich-rechtlichen Sender mit ihrer Macht umgehen sollten.

Herr Groebel, warum schalten die Zuschauer bestimmte Sender kaum ein?

Jo Groebel: Es gibt einfach so etwas wie Sendertreue. Und es gibt natürlich unterschiedlich große Budgets der Sender für Werbung und Stars. Dazu kommt, dass Menschen nur eine begrenzte Kapazität haben zu wählen. Alles, was auf einem einstelligen Kanal ist, hat eine bessere Chance, eingeschaltet zu werden. Sonst muss der Zuschauer zwei Zahlen eintippen. Das macht er schon nicht so gern.

Warum zieht Arte nicht über ein gutes Programm die Zuschauer an?

Groebel: Arte hat zu Recht das Image, eher für die Gebildeten da zu sein.

Würden mehr Zuschauer eine anspruchsvolle Dokumentation gucken, wenn sie auf RTL liefe?

Groebel: Nein, so weit geht Zuschauertreue nicht. Sie sind noch willens, sich Sachen zuerst einmal anzugucken, aber sie schalten auch unsentimental wieder weg.

Der Wunsch nach leichter Unterhaltung wiegt bei der Auswahl also noch schwerer als das Image eines Senders?

Groebel: Das ist so. Fernsehen ist ein Unterhaltungsmedium. Die Leute wollen zwar einmal am Tag informiert werden, das erklärt den Erfolg der Tagesschau als Tagessortierer und seriöse Informationsquelle. Aber ansonsten ist Fernsehen zu 90 Prozent Unterhaltung plus ein wenig soziale Orientierung. Dann kommt mit großem Abstand erst ein Bildungsinteresse.

Sie verzweifeln nicht daran?

Groebel: Nein, zumal es auch nie anders gewesen ist. Was ich aber kritisch sehe, ist, dass sich die gebührenfinanzierten Sender wie ARD und ZDF inzwischen stark auf die Grunderkenntnis eingependelt haben: Naja, Fernsehen ist vor allem Unterhaltung. Das Einzige was zählt, ist die Quote. Bei den privaten Sendern ist es logisch, bei den öffentlich-rechtlichen nicht.

Von Sendern, die einen Bildungsauftrag zu erfüllen haben und von unseren Gebühren getragen werden, würden Sie sich ein bisschen mehr wünschen?

Groebel: Also deutlich mehr. Ich wünsche mir auch, dass mehr Budget für jüngere Moderatoren zur Verfügung gestellt wird. Heute holt man den seinerzeit selbst aufgebauten Günther Jauch zurück. Die Kohle hätte man verwenden können, um einen jüngeren Moderator unter 30 Jahren reinzuholen. Jüngere Zuschauer, die 14- bis 20-Jährigen, werden so gut wie nicht erreicht. Es wäre mein Wunsch, eine Talkrunde von Jüngeren für Jüngere zu machen. Sind die jungen Leute weniger politisch orientiert? - Bestimmt nicht. Es ist eine Beleidigung der unter 30-Jährigen.

Was könnten die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten noch besser machen?

Groebel: Viele Fernsehformate der privaten Sender haben ihren Ursprung bei den öffentlich-rechtlichen gehabt. Heute sind die Öffentlich-Rechtlichen aber eher mutlos und erleichtert, wenn ein Stefan Raab als großer Retter der Nation auftaucht und dann diese Castingshow mit Lena macht, die nun wirklich ein Schuss in den Ofen war. Es ist eine Bankrotterklärung an die eigene Kompetenz.

Zur Person

Prof. Dr. Jo Groebel (60) ist Medienpsychologe und seit 2006 Direktor des Deutschen Digital Instituts Berlin, das sich vor allem mit der Zukunft des Fernsehens beschäftigt. Er leitete zuvor das Europäische Medieninstitut in Dortmund und befasste sich an Universitäten und in Büchern mit Medienfragen. Groebel lebt in Berlin, ist geschieden und hat eine Partnerin. Er hat keine Kinder. (dot)

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