„Mediengrenzen lösen sich auf“: Interview zur Berliner Filmfachmesse EFM

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Arbeitsatmosphäre: Der European Film Market findet unter anderem im Museum Martin-Gropius- Bau statt.

Berlin. Eine der wichtigsten Fachmessen der Filmbranche läuft parallel zur Berlinale: Der European Film Market (EFM) zieht aktuell 87 Firmen aus 55 Ländern an, 778 Filme wurden angemeldet. Über 7300 Händler von Filmen und audiovisuellen Inhalten machen Geschäfte in Berlin.

Wir sprachen über Bedeutung und Wandel der Messe mit Direktorin Beki Probst und der neuen Co-Direktorin Andrea Kaul.

Was hat ein Fachbesucher auf dem EFM zu tun?

Beki Probst: EFM ist ein Markt. Es gibt Leute, die Filme verkaufen, und Leute, die für ihren Kinoverleih oder ihre Fernsehstation Filme kaufen möchten. Wir haben die Funktion, diese Leute zusammenzubringen. Die Käufer sind gut vorbereitet. Ihre Rendezvous sind fixiert, ihre Termine für die Filmbegutachtung geplant. Die Verkäufer versuchen, viele Leute zu den Vorführungen ihrer Filme zu lotsen. Danach stehen sie an der Kinotür, um Reaktionen zu erfahren.

Man sieht auf der Berlinale immer mehr asiatische Gesichter. Wie stellt sich der EFM auf China ein? 

Probst: Wir haben versierte Delegierte vor Ort, wir wissen, wie der asiatische Markt tickt. Aber es war nicht einfach, da reinzukommen. Das asiatische Kino war auf dem Festival zwar immer präsent, nicht aber auf dem Filmmarkt. Früher fand kurz nach uns der American Filmmarket statt. Die Asiaten konnten nur eine große Reise unternehmen, viele sind lieber dorthin gefahren. Jetzt ist diese Messe im November, das ist ein Vorteil für uns.

Frau Kaul, die digitale Welt bringt neue Vertriebskanäle für Film mit. Was tut sich da? 

Andrea Kaul: In der digitalen Welt sind Vertrieb und Inhalt immer weniger getrennt. Distributoren werden zu Inhaltelieferanten. Video-on-Demand ist ein großes Thema, also der Abruf eines Films aus dem Internet, wann der Kunde es will. Einige VOD-Einkäufer sind bereits bei uns unterwegs.

Und Fernsehen? 

Kaul: Wir haben ein paar TV-Produktionen in den Berlinale-Vorführungen. Im Fernsehen passiert viel, Formatgrenzen verschwimmen. Was ist überhaupt Fernsehen? Eine von einer Onlineplattform finanzierte Serie wie „House Of Cards“ - ist die noch Fernsehen? Im seriellen Ausstrahlungsrhythmus: ja – aber wenn ich die 13 Folgen zeitgleich zur Verfügung stelle, habe ich einen Long-Film.

Was folgt daraus? 

Kaul: Die Grenzen zwischen den Medien Film, Fernsehen und Online verschwinden.

Früher kam ja ein Film im Kino, dann auf DVD und im TV. 

Kaul: Diese für alle Filme geltenden Zyklen wird es nicht mehr geben. Es gibt schon jetzt Online-First-Veröffentlichungen.

Hat denn das Kino an sich eine Zukunft? 

Kaul: Natürlich, es wird immer Filme geben, die man unbedingt im Kino sehen will und muss. Und auch das Kino verändert sich. 3D-Technik und sehr hochwertig ausgestattete Filmpaläste sind dafür ein Beispiel. Das Kino wird zum Ort für Events: Auch Konzerte und Opern werden im Kino übertragen, in England sogar schon Ausstellungseröffnungen.

Die digitale Technik ermöglicht auch, Filme billiger zu produzieren. 

Kaul: Ja, das merken wir auch, es gibt mehr Produzenten, die gewohnt sind, mit kleinen Budgets zu arbeiten, der Independent-Bereich wächst. Bei den Produzenten ist jetzt eine Generation am Start, die schon mit Online-Content aufgewachsen ist.

Gibt es denn in der Branche eine Unsicherheit über die digitale Zukunft? 

Kaul: Es wird komplexer. Produzenten müssen sich entscheiden, wo sie sich positionieren. Einige fühlen sich durch die neuen Chancen etwas überfordert und freuen sich auf den Fachaustausch bei uns, andere sind bereits gut präpariert. Was wir machen können, ist, die Akteure zusammenbringen. Das Filmgeschäft ist immer noch ein Peoplebusiness, da geht es viel um Vertrauen.

Wie steht der deutsche Film da? 

Probst: Sehr gut. Im Festivalprogramm laufen viele deutsche Filme, einige davon sind auch bei uns präsent. Ich merke ein großes Interesse beim nichtdeutschen Publikum.

Frau Probst, Sie sind für Ihre zahlreichen persönlichen Kontakte - jenseits von Facebookfreunden - bekannt. Wie pflegen Sie das? Müssen Sie dauernd mit wichtigen Menschen mittagessen und auf Partys Sekt trinken? 

Probst: Wir sind wie eine Vogelschar, man trifft sich immer wieder. Es ist wichtig, eine gewisse Solidarität zu spüren, wenn ich immer mal aushelfe mit einer Adresse oder einem Tipp, bekommen wir auch etwas zurück.

Was ist Ihre private Strategie, um die Festivaltage konditionell gut zu überstehen? 

Probst: Ich bin keine Empfangsperson. Ich gehe immer vor 24 Uhr, wie Aschenbrödel, das ist wichtig, damit man nicht nur frisch aussieht, sondern auch frisch ist im Kopf.

Von Bettina Fraschke

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