Medienkunstausstellung Monitoring: Von Bienen und Biografien

Trümmerfelder der Geschichte: Ein Szenenbild aus Maya Watanabes „Sceneries“ auf drei Leinwänden.

Kassel. Bis Sonntag zeigt Monitoring Medienkunst beim Kasseler Dokumentar- und Videofilmfest. 16 Arbeiten wurden aus 300 Einreichungen ausgewählt.

Die Faszination rhythmisch ratternder Maschinen, Hochglanz-Werbeästhetik, Stummfilme und aktuelle Youtube-Phänomene: Die Medienkunstausstellung Monitoring des Kasseler Dokumentarfilm- und Videofests zeigt 16 sehr vielfältige Arbeiten.

Viele von ihnen thematisieren die Frage nach dem, was bleibt – von der Geschichte, von alten Kulturen, von Kunst und Architektur, vom Heilsversprechen der Technologie, nach dem Tod. Bis hin zur Seifenblase: Verena Friedrich hat die Roboterapparatur „The Long Now“ gebaut, die deren „Lebensdauer“ verlängert.

Wir stellen Arbeiten vor, die das Spektrum deutlich machen. Ausgewählt wurden sie von einer siebenköpfigen Jury aus 300 Einreichungen. Ausstellungsleitung: Beatrix Goffin und Kristin Meyer.

Türsteher

Am Eingang des Südflügels bewachen auf drei Monitoren drei Exemplare der in Zentral- und Südamerika beheimateten Melipona beecheii den Zugang ihres Bienenstocks. Die von den Maya als „königliche Damen“ verehrten indigenen Bienen sind durch leistungsstärkere, europäische Arten und spätere Kreuzungen vom Aussterben bedroht. In der Arbeit von Paula Godínez geht es um Kolonialisierung, Biodiversität, Schutzräume, Verdrängung von Traditionen – aber hier zumindest haben die Bienen einen starken Auftritt.

Sceneries

Noch einmal Südamerika. Spektakuläre Bilder aus Peru. Ein verfallenenes Gefängnis am Meer, ein brennendes Auto in den Bergen, eine Müllkippe, ein Friedhof. Menschenleere Ödnis hat Maya Watanabe eingefangen. Trümmerfelder, die für die jüngste, komplizierte und düstere Geschichte des Landes stehen.

Surface Glaze

Haare, Lippen, Haut, Nägel, ein Auge, die Zunge – Lotte Meret zeigt Körperdetails in irritierender Präzision. Dazu Flüssigkeiten: Das könnte Milch sein oder Öl, Schaum – lasziv wirkt das, mitunter auch abstoßend und eklig. Wie ein Werbespot wirkt die knapp achtminütige Projektion, die aber gleichzeitig mit den Konventionen verführerisch-glatter Konsumästhetik bricht.

Resurface

Johanna Reich hat Biografien vergessener Künstlerinnen recherchiert. Sie präsentiert sie wie verblasste Erinnerungen: winzig, fragmentarisch und viel zu niedrig gehängt. Man muss sich mühen, etwas ins Gedächtnis zu rufen, was fast verloren ist.

ASMR

Knistern, kratzen, kneten, flüstern – die Kasselerin Lisa Dreykluft widmet sich in ihrer Dreikanal-Installation mitsamt Sitzsäcken dem Youtube-Phänomen „Autonomous Sensory Merididian Response“ und den „Tingles“: fast unmerkliche Geräusche, die ein emotionales Kribbeln auslösen sollen. ASMR-„Artists“ werden in der Online-Community gefeiert.

Das Spiel vom Reden

Rechtfertigungen von Politikern, die den Doktortitel nach Plagiatsvorwürfen verloren, hat Julia Novacek gewissermaßen selbst plagiiert: Ihre aus Originalzitaten kompilierte Verteidigungsrede bei einer fiktiven Pressekonferenz räumt nichts ein, ist kein demütiges Geständnis, sondern entwickelt sich zur verblüffend trotzigen, ja aggressiven Attacke.

Ausstellung im Interim

Starke Arbeiten sind im Interim am Kulturbahnhof in einer Ausstellung der Klassen von Bjørn Melhus (Kunsthochschule Kassel) und von documenta-Teilnehmer Clemens von Wedemeyer (Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig) zu sehen. „Area of Interest. Waffen - Blicke - Rüstung“ beschäftigt sich auch mit Kassel als Standort der Rüstungsindustrie.

Da gibt es das Luftfiltergehäuse eines Leopard-Panzers als Schirmständer und in einem Andenkenautomat kleine Kunststoff-Panzer als Kassel-Souvenir. Nicole Brauer zeigt die Kunsthochschule als eindrucksvolle Szenerie des Computerspiels Counterstrike. Beeindruckend auch die Recherche von Deborah Jeromin. Sie hat zufällig entdeckt, dass in ihrem Leipziger Kleingartenverein Ende der 30er-Jahre Maulbeeren angepflanzt wurden, um Seidenraupen für die Produktion von Seide für Fallschirme zu züchten, wie sie tausende Soldaten beim Überfall der Wehrmacht auf Kreta verwendeten. Die Künstlerin hat dort Interviews mit Zeitzeuginnen geführt, die Fallschirme zu Kleidern weiterverarbeiteten.

Heute werden Projektile auf Waffenmessen wie Lippenstifte präsentiert. Den Gegenpol setzt Manu Washaus. Der Kasseler, Meisterschüler in Leipzig, bietet an, das Peacezeichen zu tätowieren. Er fragt: Wer ist nicht für Frieden? Aber was ist man bereit, dafür zu tun?

Service

Öffnungszeiten Monitoring: im Kasseler Kunstverein im Fridericianum: Fr/Sa 11-22 Uhr, So 11-19 Uhr. Im Südflügel im Kulturbahnhof: Fr/Sa 17-22 Uhr, So 17-20 Uhr. Führungen: Freitag, 18 Uhr im Südflügel, Samstag, 16 Uhr, Kunstverein. Künstlergespräch mit Verena Friedrich am Samstag, 18 Uhr, Südflügel.

„Area of Interest“ im Interim am Kulturbahnhof, Franz-Ulrich-Str. 16: Fr/Sa 15-21 Uhr, Sa 15-20 Uhr. Der Eintritt ist zu beiden Ausstellungen frei.

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