Mehl, Musik und ideale Nasen: Die Ausstellung Ex Amen im Kulturbahnhof

Kassel. Der Kasseler Schönheitschirurg staunte nicht schlecht, als Kunststudentin Marven Graf in seiner Praxis eine Wand fotografieren wollte. Diplome, Urkunden, aber auch Modelle von Ideal-Nasen waren dort aufgehängt. Ein riesig reproduziertes Foto von dieser Praxiswand hängt nun im Südflügel des Kulturbahnhofs in der Ausstellung Ex Amen.

Der Name des Arztes ist auf den Urkunden wegretuschiert. Aber es ist zu erfahren, dass ihm die Arbeit der Künstlerin so gut gefällt, dass er sie in seiner Praxis aufgehängt hat - direkt gegenüber jener Wand, die sie fotografiert hat. Ein Raum verändert sich durch ein Raumbild, das denselben Raum zeigt.

Der Umgang mit vorgefundenen Räumen und deren Verwandlung ins Imaginäre ist es, was die Arbeiten von 29 Studierenden der Kunsthochschule - Absolventen und Meisterschüler - verbindet, so Mitkurator Simon Großpietsch. Im Stellwerk, im Südflügel und in den dahinter liegenden Orten Turnhalle der Nachrichtenmeisterei und Interim sind die Arbeiten aus Visueller Kommunikation, Produktdesign, Freier Kunst und Kunstdidaktik ausgestellt. Die Studierenden haben alles organisiert und auch den beziehungsreichen Titel für die Examensschau gewählt: Ex Amen.

Gleich am Eingang steht ein Kirmes-Greifautomat. Ann Schomburg hat ihn golden angesprüht, macht so aus dem trashigen Gerät etwas Verheißungsvolles. Wer einen Euro einwirft, kann ein goldenes Täfelchen ergattern, das sie mit Sehnsuchtssprüchen und Bildmotiven bemalt hat. 290 Kilogramm Mehl hat Sarah Wegner auf den Boden gestreut und verwandelt damit die heruntergekommene Industriearchitektur im Interim. Im Laufe der Ausstellung wird sich die poetisch-weiße Landschaft außerdem verändern.

Kristin Meyer hat Familienmitglieder nach ihrem Glauben befragt. Sie spricht deren Antworten selbst in vier intensiven Videos, die an den Seitenflächen eines weißen Kubus laufen. In schwarze Kästen hineinkriechen, um ein Video zu sehen muss man bei Ben Brix. Die Betrachterbeine ragen aus dem Würfel heraus und geben der Szenerie etwas Geheimnisvolles. Es gibt, etwa von Jea Yun Lee und Max Dietel, großformatige Malerei, Janosch Beckers gemalte Porträts wirken von der Perspektive her wie überdimensionale Facebookfotos.

Musik ihrer Band Richart In Tights kombiniert Faye Hintke zum aufgehängten Band-T-Shirt und Sommerfotografien, wo das Licht fast die Konturen auflöst, und schafft damit einen Erlebnisraum zum Wegträumen. Fotografisch räumt Jens Gerber die Stadt auf: Er lichtet abgestellten Sperrmüll ab - nicht ohne die alten Möbel vorher neu zu arrangieren. Auch hier wird ein Raum neu definiert.

Die Ausstellung mit Abschlussarbeiten von Studierenden aller Klassen und Werken von Meisterschülern der Kasseler Kunsthochschule ist bis Sonntag an vier Standorten im Kulturbahnhof zu sehen: Südflügel, Turnhalle der Nachrichtenmeisterei, Interim, Stellwerk. Mi-Sa: 12-20, So: 12-18 Uhr

Von Bettina Fraschke

Fotos von der Ausstellung

Examensausstellung der Kunsthochschule Kassel

Rubriklistenbild: © Malmus

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