Neu im Kino: „Unter Bauern“ malt kein Heldenbild von Marga Spiegels Rettern

Mehr als ein Denkmal

Gefahr lauert in nächster Nähe: Hat BDM-Mädel Anni (Lia Hoensbroech) Marga Spiegel (Veronica Ferres) als Jüdin erkannt? Foto: 3 lm Film

Jetzt, da die letzten Zeitzeugen des Nazi-Regimes von uns gehen, gibt es noch      einmal eine Welle neuer Nachrichten aus der schlimmen Vergangenheit. Es gibt aber auch eine neue Bereitschaft, den Helfern, die Menschenleben gerettet haben, zu danken.

Nach Marga Spiegels Biografie „Retter in der Nacht“ (1965) über die Rettung ihrer jüdischen Familie hat Regisseur Ludi Boeken den Spielfilm „Unter Bauern - Retter in der Nacht“ gedreht.

Während der letzten Kriegsjahre, von 1943 bis 1945, haben Bauern im Münsterland Spiegel, die im nordhessischen Oberaula aufgewachsen ist, ihre kleine Tochter und ihren Mann versteckt gehalten und vor der Deportation gerettet - unter Bedrohung des eigenen Lebens.

Kein einfaches Spiel für Veronica Ferres als Marga Spiegel: Der Zuschauer wird Zeuge einer fortdauernden psychologischen Stresssituation, die manchmal etwas ins Zeigehafte gerät, wenn es gilt, zum Beispiel die Rassegesetze, aber auch den verbalen Widerstand des Bischofs von Münster zu zitieren.

Wenn am Ende in einer dokumentarischen „Zugabe“ die 97-jährige Spiegel am Filmset von „unseren Bauernhelden“ spricht, mag das aus objektiver Sicht eine gut gemeinte Vereinfachung sein - beeindruckend ist sie trotzdem.

Nach über 60 Jahren wird sich nicht klären lassen, warum es unter 70 Millionen Deutschen so wenige Retter gab. Selbst bei den Münsterländer Bauern, so farbig und unpathetisch sie wiedergegeben werden, ist die Frage „Warum ausgerechnet sie?“ nicht eindeutig zu beantworten.

Der Film malt kein Heldenbild, er zeichnet eher Situationen humaner Selbstverständlichkeit. Traditioneller Antinazismus, Frömmigkeit, westfälische Chuzpe - das hat den schnellen Entschluss reifen lassen, den Juden unter eigener Lebensgefahr zu helfen.

Vieles bleibt hier in den Kostümen stecken, oder es wird von einem treudeutschen Bauernton geschluckt. Aber die zurückhaltend spielende, schmal gewordene Ferres und der sich ins Helmut-Qualtinger-Format katapultierende Armin Rohde als Ehemann Menne Spiegel lassen mit einem präzisen Nebendarstellerensemble den Film hinauswachsen über die reine intendierte „Denkmal“-Funktion. (tx)

Genre: Drama

Altersfreigabe: ab 12

www.hna.de/kino

Wertung: !!!::

Von Wilfried Geldner

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