Analyse: Die Bad Hersfelder Festspiele stehen nicht nur wegen der Kündigung von Holk Freytag vor großen Herausforderungen

Mehr als ein Intendanten-Rauswurf

Renommierte Freilichtbühne: Die Bad Hersfelder Stiftsruine. Foto:  nh

Bad Hersfeld. Der Intendant hat gestern sein Büro geräumt. Die Bad Hersfelder Festspiele stecken nach der fristlosen Kündigung Holk Freytags und nach Abschluss der Saison am Wochenende in einer schwierigen Übergangsphase. Es ist ein Umbruch, der weit reichen wird. Viele Herausforderungen müssen bewältigt werden.

Zeitfenster

Der Magistrat will bereits im September einen neuen Intendanten vorstellen. So bleiben nur wenige Wochen, um diese weitreichende Personalentscheidung festzuzurren. Die in der Stadt kursierende Idee, dass möglicherweise zunächst ein Leiter für eine Übergangsphase eingestellt wird, ist gut. Das verschafft Luft. Der Kartenvorverkauf beginnt im Januar, ein neuer Leiter hätte also drei Monate, das Festival zu planen. Das ist sportlich. Aktuell werden der ehemalige Hersfeld-Intendant Peter Lotschak (74) und Regisseur Dieter Wedel (71) gehandelt.

Bestehende Planungen

Wer hochkarätige Schauspieler oder Sänger engagieren will, tut gut daran, das so früh wie möglich zu tun, erklärt Rolf Bolwin, geschäftsführender Direktor des deutschen Bühnenvereins, auf Anfrage. Oft werden Künstler bereits Jahre im Voraus angefragt. Dann würden Vorverträge und auch schon Verträge geschlossen – und das sogar dann, wenn der Etat für ein Theater oder ein Festival noch nicht durch die Gremien sei. Das sei oft nicht anders möglich. Freytag hatte allerdings zuletzt in Bad Hersfeld betont, er schließe lediglich Vorverträge ab, bevor ein Etat freigegeben sein.

In jedem Fall gilt: Ein neuer Intendant kommt nicht umhin, bereits getroffene Verabredungen einzuhalten. Das weiß aber auch jeder, der sich für den nun freigewordenen Posten interessiert - das sollte somit kein Problem sein. Trotzdem ist es für einen neuen Chef von Nachteil, wenn er sich in seinem ersten Jahr noch nicht so stark selbst künstlerisch profilieren kann.

Holk Freytags Stückwahl

Am Wochenende hatte Holk Freytag seine Planungen vorgestellt: 2015 sollte das Musical „Cabaret“ auf dem Spielplan stehen - mit Helen Schneider als Conférencier, dazu „Berlin Alexanderplatz“ und „Der zerbrochne Krug“. 2016 sollten „Porgy and Bess“, „Mutter Courage“ und „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“ gespielt werden.

Oper bei den Festspielen

Zum Jahr 2016 laufen alte Verträge zur Nutzung der Stiftsruine aus – ab dann kann die Oper neu bei den Festspielen positioniert werden. Derzeit gibt es unabhängig von den Festspielen Opernfestspiele von einem anderen Träger - dem Arbeitskreis für Musik (AfM). Heute ist Premiere für deren „Aida“ in der Stiftsruine. Bürgermeister Thomas Fehling hatte im Januar vorgeschlagen, künftig eine Opernproduktion in den Festivalplan zu integrieren. Der AfM hatte aber signalisiert, man wolle selbstständig bleiben. Hier könnte es am Verhandlungstisch haken. Die Herausforderung, die Festspiele künstlerisch neu aufzustellen, könnte größer sein als die aktuelle Personalfrage. Fachleute im Hessischen Kunstministerium stehen zur Konsultation bereit, wenn Bedarf besteht, sagt Sprecher Mark Kohlbecher, das Angebot bestehe schon länger, sei aber noch nicht abgerufen worden.

Stellung des Intendanten

Im Zukunftskonzept, das Fehling im Januar vorgelegt hatte, ist die Position des Festspiel-Intendanten neu gefasst. Entscheidend für die Festspielgestaltung wäre nach diesen Ideen eine Kommission, die aus kommunalen Politikern, Sponsoren, Mitgliedern des Trägervereins und des AfM besteht. Ihr untergeordnet wären ein künstlerischer und ein kaufmännischer Geschäftsführer. Wenn diese Pläne konkretere Form gewännen, stellte sich die Frage, welche Persönlichkeit mit Format für eine derart abgespeckte Leitungsfunktion bereit stehen würde.

Öffentliche Debatte

Der Protest und die große Auseinandersetzung mit den Festspielen zeigen deren Bedeutung. Das Festival liegt vielen am Herzen. Das sind gute Nachrichten – auch angesichts dessen, dass Sparpläne und Budgets öffentlich diskutiert werden müssen. Jetzt sind die Kulturliebenden wachgerüttelt – und können und sollen sich bei künftigen Budget- und Spardebatten einbringen.

Von Bettina Fraschke

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.