Das Berliner Trio Egotronic rockte das Kulturzentrum Schlachthof mit seinem Electropunk

Mehr Party geht nicht

Augen zu und durch: Torsun (oben) und sein Trio Egotronic brachten den Schlachthof zum Ausflippen. Zuvor hatte die Kasseler Sängerin Ira Atari den Besuchern eingeheizt. Fotos: Fischer

Kassel. Es muss ein einfacher Job sein, bei einem Konzert des Berliner Trios Egotronic Abmischer zu sein. Zweimal fragt Bandleader Torsun beim Auftritt im Kasseler Kulturzentrum Schlachthof den Mann am Pult, ob es nicht lauter ginge - und dann sagt er: „Alle Regler nach rechts.“ Lautstärke ist von Vorteil beim Electropunk der Formation, die Torsun vor einem Jahrzehnt in Kassel gründete. Zuhause können einem die simplen Beats und der wummernde Bass schnell auf die Nerven gehen, aber live ist das Trio eine Wucht.

Gleich im ersten Stück ruft Torsun den fast 200 Besuchern im ausverkauften Club zu: „Wer wird denn rumstehen? Wir wollen euch tanzen sehen.“ Und tatsächlich: Zu diesem Bum-Bum-Bum kann man nicht still stehen. Der ganze Saal tanzt. Am Ende flippt gar ein Dutzend junger Egotronic-Fans mitten auf der Bühne aus. Mehr Party geht nicht.

Für das Cover ihres jüngsten Albums hat die Band das legendäre Bild der Clash-Platte „London Calling“ verfremdet. Auf dem Original der Engländer haut Bassist Paul Simonon sein Instrument kaputt. Bei Egotronic ist es ein Umhänge-Keyboard. Sänger Torsun und seine Bandkollegen Endi (Synthesizer) sowie KT&F (Computer) mischen die Wut des Punk mit dem Spaß des Techno und der Zitierfreude des HipHop. Während des einstündigen Auftritts samplen und covern Egotronic unter anderem die Gorillaz und die Ärzte.

Auch politisch sind Egotronic radikal. Während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 sorgte Torsun für Aufsehen, als er das Lied „Ten German Bombers“ coverte. Englische Hooligans singen es, wenn es gegen Deutschland geht und feiern darin den Abschuss von Kriegsflugzeugen. Torsun, der daraufhin Morddrohungen bekam, ist jegliche Form von Patriotismus zuwider. Deshalb heißt sein größter Hit auch „Raven gegen Deutschland“.

Ira mit neuem Namen

Mit dieser Haltung haben sich Egotronic einen Namen gemacht. Den hat die Kasseler Sängerin Ira zuletzt noch gesucht. Weil man „Ira“ im Internet niemals finden wird, nennt sich die 32-Jährige nun Ira Atari, was schon deshalb passt, weil man auch in ihren Songs eine Vorliebe für den Computersound der 80er-Jahre hört. Ihr lässiger Electropop, der an Björk und La Roux erinnert, war eine gute Aufwärmübung für die Fans von Egotronic.

Während Ira meist jenseits der Scheinwerfer im Dunkeln singt, ist Torsun offenbar jede Form der Öffentlichkeit recht. Irgendwann bittet er einen Konzertbesucher auf die Bühne, dessen Verlobte vor vier Wochen gestorben ist. Der junge Mann ruft die Besucher auf, für Mona zu tanzen, die „nun woanders Party macht, sie hätte das gemocht“. Vielleicht hat Mona, wo immer sie nun ist, in dem Moment aber gedacht: Ihr habt einen an der Waffel.

Nächstes Konzert in der Reihe „Bigmouth Strikes Again“: Yucca am 29. Januar, 21 Uhr.

Von Matthias Lohr

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.