Neu im Kino: Lars von Triers Kunstporno „Nymphomaniac“

Mehr als ein Skandal

Werbewirksam gestaltetes Plakat: Die Darsteller wurden beim Orgasmus fotografiert.

Eine Frau will sich von ihrer Sexgier befreien. Von ihrer Selbstverachtung und inneren Leere spricht sie mit dem ihr fremden Zuhörer Seligman (Stellan Skarsgård). Sie sucht nach Mustern von Selbstentfremdung und Abwertung, die ihr Leben durchziehen. Lars von Triers Film „Nymphomaniac“ geht mit dieser Joe (Charlotte Gainsbourg) auf diese Reise in Seelenabgründe und fächert ihre sexuelle Biografie in expliziten Bildern auf. Ein radikales, krasses Projekt. Fünf Gründe, warum das Ansehen lohnt.

Vermarktungserfolg

Lars von Trier ist ein Regisseur, der extrem wie kaum ein zweiter seine eigenen Psychothemen zu Filmen verarbeitet. Siehe „Antichrist“ und „Melancholia“. Nun bewegt er sich in Richtung Porno. Doch wer ist die Zielgruppe eines solchen Films? Produzentin Louise Vesth hat mit einer raffinierten Vermarktungsstrategie Neugier aufgebaut. In Häppchen hat sie neue Trailer online gestellt, per Schlüssellochblick an voyeuristische Instinkte appelliert. Ein starkes Statement macht zudem das Plakat, das die berühmten Darsteller im Moment des Orgasmus zeigt. Ergebnis: Alle sprechen über den vermeintlichen Skandalfilm, der, wie man beim Betrachten sehen wird, gar nicht so simpel-skandalös ist. Was gerade für ihn spricht. Zudem ist der nun anlaufende erste Filmteil gegenüber der Originalfassung um etwa eine halbe Stunde gekürzt - viel drastischer Sex ist weggefallen.

Unschuld

Mit die frischesten und zweifelsfrei unschuldigen Szenen in „Nymphomaniac“ sind die, wo die kleine Joe ihre sexuelle Lust entdeckt: Beim Frosch-Spielen auf dem glitschigen Badezimmerboden.

Ironie

Joe spricht mit Seligman beim Teetrinken über ihre sexuellen Erfahrungen, die wir in der Rückblende dann ausführlich zu sehen bekommen. Wie Seligman ihr als Ratgeber mit dem ganzen bildungsbürgerlichen Kosmos von Marcel Prousts Erinnerungsflash beim Madeleine-Essen über die Kulturgeschichte der Kuchengabel bis zum Einsatz des Tritonus-Intervalls für moralisch brisante Aktionen beikommt, baut ein ironisches Gegengewicht zu all der Kopulation auf. Toll und witzig gemacht. Es gibt sogar eine Grafik zum richtigen Rückwärtseinparken.

Wiedererkennungswert

Intime Begegnungen – das ist auch immer ein Frage nach Machtverteilung. Wer führt, wer leidet mehr? Es gibt sicher wenig Menschen, die hier nicht auch Momente des Wiedererkennens erleben.

Theater im Film

Die darstellerisch stärkste Szene hat nichts mit dem Zusammenfügen primärer Geschlechtsorgane zu tun, sondern ist einfach großes Theater. Uma Thurman spielt eine verlassene Ehefrau, die Joe und ihrem Ex eine Szene macht: Ein Wutmonolog in grandiosen 25 Minuten.

Genre: Kunstporno

Altersfreigabe: ab 16

Wertung: !!!!:

www.hna.de/kino

Von Bettina Fraschke

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