Frank Schulz nahm den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor entgegen

Ein Meister aller Klassen

Preisträger: Die Schriftsteller Frank Schulz (links) und Arno Camenisch vor einem Plakat der Ausstellung „Beim Wort genommen“ mit Zitaten von Christine Brückner und Otto Heinrich Kühner im Kasseler Rathaus. Bis zum 27. Februar sind die Plakate noch zu sehen. Foto: Malmus

Kassel. Schade, dass Element-of-Crime-Sänger Sven Regener als Laudator auf den Kasseler Literaturpreisträger Frank Schulz aus familiären Gründen hatte absagen müssen. Zu gern hätte man die Lobrede auf den 57-Jährigen im unverwechselbaren, von seinen Hörbüchern so vertrauten norddeutsch-rauen Regener-Tonfall gehört.

So trug am Samstag im Kasseler Rathaus beider Verleger Wolfgang Hörner, vor, was der Erfinder von „Herr Lehmann“ aufgeschrieben hatte. Dann bekam Schulz die Urkunde: Er sei einer „der großen humoristischen Erzähler unserer Zeit“, wie die Begründung des Stiftungsrats mit dem Vorsitzenden Walter Pape lautete. Detailversessen, mit höchster Präzision zeigten Schulz’ Romane den normalen Irrsinn des heutigen Lebens. Virtuos spiele er auf der Klaviatur des Komischen.

„Das Groteske – da macht ihm keiner was vor“, so formulierte es Regener. Er unterschied drei Formen des Humors: übel, flach und gut. Erstens Mobbing-Humor auf Kosten Anderer, Schwächerer. Zweitens Nonsens, Zoten, Kalauer, Blödeleien: „Das ist eine schöne Welt.“ Drittens die Königsdisziplin: ein Humor, der einen dazu bringt, sich über sich selbst lustig machen.

Schulz sei ein Meister aller Klassen, so Regener, der alle Register ziehe. Er habe „keine Angst vor nichts“, ziehe die Gummistiefel an, um tief in die Kloake menschlicher Irrungen und Wirrungen hinabzusteigen. Das „Frank-Schulz-Wunder“ aber sei, dass er alle, die er doof finde – „ein Panoptikum fieser Existenzen, Seelen- und sonstiger Krüppel“, doof aussehen lasse, ohne sich über ihre Doofheit zu erheben.

Regener fand nicht nur den schönen Ausdruck „Schlammcatchen zwischen Es, Ich und Über-Ich“, er gab als Schulz’sches Beispiel linguistisch gedeutete Fahrstuhlkritzeleien mit ordinären Begriffen, die man im Stadtverordnetensaal eher selten hört, die aber für viel Gekicher sorgten.

Auch die zweite Laudatio hielt ein Verleger, Urs Engeler, auf Förderpreisträger Arno Camenisch. Er würdigte dessen „Reduktion auf das Essentielle“. Wenn er skurrile, kauzige Originale der Surselva in der Graubündner Bergwelt vorstelle, gewitzt und mit wunderbar schrägen Dialogen, gehe es aber immer um universelle Themen: Liebe, Leben und Tod.

Beide Autoren gaben Kostproben, Camenisch, der gestern 37 wurde und auch Rätoromanisch schreibt, mit Schweizer, Schulz mit Hamburger Klangfarbe. Er ließ seinen Privatdetektiv Onno Viets auf einen BüNaBe, also einen bürgernahen Polizeibeamten treffen. Man lernte: Besser ein Beer-to-sit als ein Coffee-to-go.

Schulz’ für den 9. Februar angekündigten Roman konnte man bei der Preisverleihung schon vorab erwerben. Die umrahmte das Schlagzeugensemble der Kasseler Universität mit John-Cage-Intermezzi („Credo in Us“), und Oberbürgermeister Bertram Hilgen nutzte die 30. Verleihung für einen Dank an Stiftungsgeschäftsführer Friedrich W. Block, der Kassel zu einem Zentrum des Komischen und poetischer Sprachkunst gemacht habe.

Von Mark-Christian von Busse

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