Meister des Düsteren: 150. Geburtstag von Edvard Munch

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Der Schrei - von Edvard Munch

Edvard Munch boomt. Für fast 120 Mio. Dollar (90 Mio. Euro) wurde sein „Schrei“ - eine von vier Versionen des berühmten, auch vielfach persiflierten Gemäldes - vor eineinhalb Jahren in New versteigert, damals das teuerste Bild der Welt.

In Oslo wird ein 225 Mio. Euro teures Munch-Museum als neues Wahrzeichen direkt an den Oslofjord gebaut. Seiner Heimatstadt vermachte der Maler, als er 81-jährig auf seinem Landgut Ekely friedlich einschlief, sein Werk - allein 1000 Gemälde und 15 400 Grafiken.

Heute vor 150 Jahren wurde der Wegbereiter und Vorläufer des Expressionismus als Sohn eines Militärarztes in Løten (Norwegen) geboren. Ausstellungen im Kunsthaus Zürich, das die größte Munch-Sammlung außerhalb Norwegens besitzt, und im Sprengel Museum Hannover würdigen ihn zurzeit, auch die Staatsgalerie Stuttgart feierte ihn bereits. Zahlreiche Neuerscheinungen erzählen Munchs Leben.

„Mann und Weib, sich küssend (Kopf bei Kopf)“, Farbholzschnitt, 1905.

Das war unstet und rastlos und geprägt von den Themen, die er in seinen düsteren Bildern verdichtete, als menschliche Urängste ins Allgemeingültige hob: Krankheit, Depressionen, Schmerz, Einsamkeit, Isolation, Leidenschaft, Trauer und Tod. „Sterbezimmer“, „Angst“, „Melancholie“, „Das kranke Kind“ heißen Schlüsselwerke Munchs. Die Zeitgenossen empfanden die symbolhaften, expressiven Bilder als abstoßend, „liederlich“, krankhaft, hingeschmiert. Eine Munch-Ausstellung in Berlin musste 1892 nach einer Woche geschlossen werden.

Eine Ursache für die Lebensangst des alkoholkranken Malers, der vermutlich an einer bipolaren Störung litt, war der frühe Tod der Mutter des erst fünfjährigen Edvard. Später starb die geliebte Schwester mit 15 an Tuberkulose. Ausgebildet wurde Munch an der Zeichenschule in Kristiana, dem heutigen Oslo, und in Paris. Eine Liebesbeziehung mit der Norwegerin Tulla Larssen endete 1902 dramatisch mit einer Revolverszene. Munch unterhielt fortan zahlreiche Liebschaften, aber Frauen blieben ihm ein Rätsel, unheimlich, er stellte sie oft als Vampire, Dämonen dar.

Selbstbildnis

Munch reiste viel, lebte in Hotels, arbeitete in Lübeck, Weimar und Warnemünde, nie wirklich im Gleichgewicht. Ein Domizil hatte er in Åsgårdstrand am Oslofjord. „Ohne Angst und Krankheit wäre mein Leben wie ein Boot ohne Ruder“, wusste der Maler, der Seelen so zerlegen wollte, wie Leonardo da Vinci Leichen seziert hatte. „Ich möchte das Leiden nicht missen, wie viel verdanke ich doch in meiner Kunst dem Leiden?“

Von Mark-Christian von Busse

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