Der Meister im Duett: Martin Walser in Göttingen

Zeigte vor fast 300 Zuhörern viel Witz: Schriftsteller Martin Walser im Alten Rathaus in Göttingen. Foto:  Lawrenz

Martin Walser ist einer der letzten Groß-Autoren und einer der wichtigsten Intellektuellen des Landes. In Göttingen stellte er sein neues Buch vor - mit viel Witz.

Göttingen. Wo Walser draufsteht, ist nicht nur Walser drin: Seinen neuen Roman „Ein sterbender Mann“ hat der 89 Jahre alte Autor Martin Walser mit der Sinologin Thekla Chabbi (47) geschrieben. Gemeinsam sind sie jetzt auf Lesereise. Zum 25. Jubiläum des Göttinger Literaturherbsts machten sie in der Leinestadt Station. Dem Publikum im ausverkauften Alten Rathaus boten sie noch zu später Stunde eine faszinierende Vorstellung.

Es komme kaum vor, dass zwei Autoren einen Roman verfassten, hob Walser das Besondere des Buches hervor. Entschieden nahm er denen den Wind aus den Segeln, die vermuten, er habe sich aus Altersgründen beim Schreiben Verstärkung holen müssen. Die Zusammenarbeit habe sich ergeben. Bei einem deutsch-chinesischen Schriftstellertreffen habe sie ihren Anfang genommen.

„Wenn ich auf einen Roman zu lebe, kann ich abends den Mund nicht halten“, beschrieb Walser, wie er auf dem Treffen von seiner neuen Idee erzählte. Daraufhin habe ihm Chabbi den Hinweis auf ein Suizidforum geschickt: „Da habe ich gewusst, wo ich Theo Schadt unterbringen kann.“ Der Protagonist wird vom besten Freund verraten und will seinem Leben ein Ende machen. Als er sich neu verliebt, gewinnt er Lebensmut.

An Chabbi schickte Walser die Worte, die er Schadt für das Forum in den Mund legen wollte. Als Romanfigur Aster schrieb Chabbi zurück. „Sie hat einen Stil“, erkannte Walser.

Den präsentierte die Co-Autorin den fast 300 Zuhörern in einer Passage aus ihrer Feder: Mit überzeugender Präsenz las sie eine Mail der Romanfigur Sina an den Protagonisten. Von der begeisterten Tango-Tänzerin Chabbi nahm Walser auch Details aus der Tango-Szene. Die Co-Autorin mit einem tunesischen Vater tauchte für den Roman in Algerien ein. Unentschieden zeigten sich beide Verfasser bei dem Anteil, den Chabbi am Roman hat: 25 Prozent blieben unwidersprochen.

Fast zwei Stunden dauerte die Lesung am späten Abend. Walser faszinierte die Zuhörer nicht nur mit einem Anfang, der ins Geschehen hineinzieht, sondern auch mit seinem Witz und seiner Direktheit im Gespräch mit Literaturwissenschaftlerin Anke Detken von der Universität Göttingen.

Auf die Frage zu neuen Plänen machte Walser aber keine Hoffnung auf weitere gemeinsame Bücher: „Das kann man nur einmal machen“, sagte er entschieden.

Martin Walser: Ein sterbender Mann. Rowohlt, 288 Seiten, 19,95 Euro.

Von Ute Lawrenz

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