Goya, Daumier und Toulouse-Lautrec: Meister der Groteske in Berlin

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Nie ohne Hut: Die Tänzerin Jane Avril, festgehalten in dieser Farblithografie von Toulouse-Lautrec 1899.

Berlin. Exzentriker stehen abseits der Mitte und des Mainstream. Sie bewegen sich außerhalb der Norm und sehen die Dinge anders. Unangepasst, eigensinnig und kreativ ist ihr Blick. Wehe, wenn sie dazu noch Pinsel, Stichel oder Zeichenstift in der Hand führen.

Dann schaffen sie nicht nur Neues, sondern haben beste Chancen, berühmt und berüchtigt zu werden. Je ätzender und spleeniger, desto besser. Drei solchen, speziellen Künstler-Menschen ist die neue Schau im Marstall des Berliner Museums Scharf-Gerstenberg gewidmet. Francisco de Goya, Honoré Daumier und Henri de Toulouse-Lautrec eint und ehrt, dass sie sich nicht nur für die Lichtseiten des Lebens, Repräsentation und Macht, sondern für die Schattenseiten der Gesellschaft interessierten. In der Druckgrafik fanden ihre bissigen Kommentare zur Realität Ausdruck.

Daumier wanderte für seine Karikaturen ins Gefängnis. Nach seiner Entlassung war die Wochenzeitschrift „Caricature“, in der seine satirischen Betrachtungen erschienen, ebenfalls eingestellt. Er durfte nur noch Unpolitisches veröffentlichen - in fast 40 Jahren über 2000 Karikaturen. Auch diese Unverfänglichen haben Biss, prägnante Charakterdarstellungen wie „Der singende Geiger“ etwa. Packende Bronzen schuf der 1808 geborene Franzose darüber hinaus. Seine markanten Parlamentarierbüsten von 1831 flankieren die Grafiken in der Schau „Der exzentrische Blick“. Sie entstanden ursprünglich als Vorlagen für die Karikaturen. Jahre später karikierte er in der Figur des „Ratapoil (Rattenfell)“ mit verbeultem Zylinder und Schlagstock, die bereit ist, alles niederzuknüppeln, was nicht „Vive l’ Empereur!“ ruft, den Bonapartistischen Geist.

Eine Geschichtsstunde darf man allerdings nicht erwarten. Etwas Hintergrundwissen mitzubringen, wäre nicht verkehrt. Schließlich begegnet man drei Künstlern dreier Generationen, die in unterschiedlichen Welten lebten, geeint nur durch die Exzentrik ihres außerordentlichen Werkes. Das wird vergleichend in zwölf Themenkreisen ausgebreitet. Mutig in der Überzeichnung nehmen die Herren kein Blatt vor den Mund.

Mit spitzer Feder beleuchteten sie Existenzkampf und Arbeit, die Mühlen der Justiz, die Posen auf der Bühne oder die Hingabe der Frauen - andächtig lesend bei Goya, mütterlich stillend bei Daumier oder im Bordell an der Seite eines „Wüstlings“ bei Toulouse-Lautrec. Natürlich darf das Moulin Rouge nicht fehlen, wo jener 1899 der Tänzerin „Jane Avril“ begegnete, die nie ohne Hut auftrat - ein beliebtes Plakatmotiv bis heute.

In der Ausstellung kann man Schein und Sein studieren anhand von Drucken, Gemälden und Skulpturen. Neben Goyas „Caprichos“ zählen seine Stierkampfszenen von Bordeaux, die er 1825, kurz vor seinem Tod, erstmals in der neuen Technik der Lithografie fertigte, zu den Höhepunkten.

Sammlung Scharf-Gerstenberg, Schloßstraße 70, bis 17. Februar. „Die historische Sammlung Otto Gerstenberg“, 2 Bde. Hatje Cantz Verlag, 98 Euro.

Hintergrund: Die Sammlung Scharf-Gerstenberg

Ein Anlass der Ausstellung ist die Erinnerung an Otto Gerstenberg, den Sammler, der alles zusammentrug. Der 1848 geborene Berliner Versicherungsdirektor wohnte die letzten Jahrzehnte in einer Villa in Dahlem und besaß eine legendäre Kollektion. Max Liebermann bezeichnete sie 1921 gar als „die bei weitestem wichtigste Sammlung moderner Malerei“ in Deutschland.

Gerstenberg sammelte Alte Meister, die Impressionisten seiner Zeit und eben auch Arbeiten auf Papier. Von den über 2200 Werken des 1935 verstorbenen Kunstfreundes ist nur noch ein Viertel in Familienbesitz. Vieles ging im Krieg verloren oder hängt heute, außer in Berlin, in internationalen Sammlungen und als Beutekunst in Russland.

Dieter Scharf (1926-2001) bewahrte die Sammlung seines Großvaters mit seinem Bruder Walther und setzte sie fort. Er konzentrierte sich wie seine Tochter Julietta auf den Surrealismus, seine Vorläufer und Nachfolger. Den von Piranesi, Goya bis über Max Ernst hinaus reichenden „surrealen Welten“ ist die ständige Sammlung Scharf-Gerstenberg im 2008 eröffneten Museum gewidmet.

Von Andrea Hilgenstock

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