Vor 225 Jahren wurde Wilhelm Grimm geboren - der jüngere Bruder Jacobs und geniale Märchenerzähler

Wilhelm Grimm: Meister des romantischen Tons

Kassel. Man kennt sie eigentlich nur im Duo: die Märchen-Brüder Jacob (1785-1863) und Wilhelm Grimm (1786-1859). Fast ihr ganzes Leben lebten und arbeiteten sie zusammen - und waren doch höchst eigenständige Persönlichkeiten. Heute ist der 225. Geburtstag von Wilhelm Grimm. Willkommener Anlass, um beim Kasseler Grimm-Experten Bernhard Lauer nach dem jüngeren Bruder zu fragen - und dabei auch auf Jacob Grimm zu blicken. Bernhard Lauer über:

Gemeinsames Leben

Enger können Brüder kaum ein Leben verbringen. Bis zum Tode Wilhelms im Jahr 1859 waren die beiden unzertrennlich. Was bedeutete, dass sie einen gemeinsamen Hausstand führten - obwohl Wilhelm eine eigene Familie gründete und Jacob ehelos blieb. Jacob übernahm nach Tod des Vaters 1796 die Rolle des Familienoberhaupts in der dann zunächst siebenköpfigen Familie - denn Jacob und Wilhelm hatten noch drei Brüder und eine Schwester.

Jacob und Wilhelm Grimm kamen 1798 nach Kassel und besuchten dort das Lyceum Fridericianum. 1802 ging Jacob zum Studium nach Marburg, 1803 folgte ihm Wilhelm. 1805 ging Jacob mit seinem Lehrer Savigny nach Paris. Im selben Jahr zog die Mutter mit den übrigen Geschwistern in die Marktgasse. Jacob aus Paris und Wilhelm aus Marburg kommend stießen dazu, so dass die Familie vereint war.

Die Lebensgemeinschaft setzte sich 1829 in Göttingen und schließlich ab 1841 auch in Berlin fort, wo beide an der Universität lehrten. Dass Wilhelms Kinder ihren Vater „Papa“, Jacob dagegen „Apapa“ nannten, dass man eine gemeinsame Kasse führte und sich testamentarisch gegenseitig als Erben einsetzte, belegt die sehr enge Verbindung.

Charaktere

Charakterlich waren Wilhelm und Jacob Grimm durchaus verschieden. Wilhelm, der geselligere Familienmensch, heiratete 1825 die Kasseler Apothekerstochter Dorothea Wild und hatte mit ihr vier Kinder, von denen drei das Erwachsenenalter erreichten. Er reiste wenig, fuhr allenfalls mit der Familie in die Sommerfrische und liebte die Künste. Jacob, das Sprachgenie, reiste dagegen zu Forschungszwecken durch Europa und war - trotz seiner Rolle als Familienoberhaupt - eher ein Individualist.

Arbeit

Wilhelm und Jacob Grimm hatten trotz ihrer gemeinsamen Projekte - allen voran die Veröffentlichung der „Kinder- und Hausmärchen“ und der „Deutschen Sagen“ - verschiedene Arbeitsschwerpunkte. Um die Märchensammlung besonders verdient gemacht hat sich Wilhelm Grimm. 1812 und 1815 waren die „Kinder- und Hausmärchen“ in zwei Bänden erstmals erschienen. Doch erst mit den von ihm betreuten weiteren Auflagen ab 1819/22 verlieh Wilhelm den Märchen jenen romantischen Erzählton, der zu ihrem beispiellosen Erfolg beitrug.

Heute sind die „Kinder- und Hausmärchen“ das meistgelesene Buch deutscher Sprache. Die mit Anmerkungen der Grimms versehenen Handexemplare liegen in Kassel und gehören seit 2005 zum Weltdokumentenerbe der Unesco.

Die poetische Ader Wilhelm Grimms und sein Faible für das Mittelalter verriet bereits seine erste Buchveröffentlichung, die vor 200 Jahren erschienene Übersetzung „Altdänische Heldenlieder, Balladen und Märchen“. Demgegenüber zeigte sich Jacob Grimm, etwa als Verfasser der „Deutschen Grammatik“, als der fleißigere Wissenschaftler. Beim gemeinsamen Projekt des „Deutschen Wörterbuchs“, das bis zum Buchstaben „F“ und dem Begriff „Frucht“ gedieh, hatte Wilhelm lediglich den Buchstaben „D“ bearbeitet.

Politik

In ihrem politischen Engagement für ein einiges, demokratisches Deutschland unterschieden sie sich nicht. Wohl aber war es Jacob, der sich damit auch öffentlich hervortat und 1848 als Abgeordneter an der Frankfurter Nationalversammlung teilnahm. Die Grimms - sie waren zwar Brüder im Geiste, doch nicht von gleichem Temperament.

Zwei Ausstellungen zu den Brüdern Grimm und ihren Märchen sind in den temporären Schauräumen des Brüder-Grimm-Museums in Kassel, Brüder-Grimm-Platz / Ecke Friedrichstraße zu sehen.

Von Werner Fritsch

Zur Person: Dr. Bernhard Lauer (57) stammt aus der Nähe von Trier. In Marburg studierte er slawische und romanische Sprachen. Er wirkte an zahlreichen Publikationen zu den Grimms mit, bevor er 1989 Leiter des Kasseler Brüder-Grimm-Museums wurde. Mit Publikationen und Ausstellungen in aller Welt setzt er sich für die Verbreitung des Grimm’schen Werks ein. Lauer, der auch Geschäftsführer der Brüder-Grimm-Gesellschaft ist, lebt in Partnerschaft.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.