Meister der Unsicherheit: Der Maler Gerhard Richter wird 80

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Vor einem der teuren Gemälde von brennenden Kerzen: Gerhard Richter.

Gerhard Richter, der größte deutsche Maler der Gegenwart, einer der wichtigsten, teuersten lebenden Künstler weltweit, wird an diesem Donnerstag 80 Jahre alt. Wir stellen ihn mit einem Abc vor.

Abstrakt und gegenständlich - diese in der Nachkriegskunst feindlichen Pole hat Gerhard Richter überwunden. Überhaupt hat er die Malerei, die man in den 60ern am Ende sah, in vielen Genres in virtuoser Vielfalt belebt: mit Seestücken, Wolken, Blumen, Stillleben, Porträts, Landschaften, in monochromem Grau, Farbtafeln, übermalten Fotos, mit Hinterglasbildern ...

Betty, 1966 geborene Tochter, malte er mehrfach. Ihr Porträt von 1988 war auf der documenta 12 zu sehen. Der Arnold-Bode-Preisträger war eine Art documenta-Dauerteilnehmer: 1972, ’82, ’87, ’92, ’97, 2007.

Corinna Belz kam als Filmemacherin Richter in einer eindrucksvollen Doku nahe. Es ist ein Medien-klischee, dass sich der Maler scheu zurückgezogen habe. Er besucht aber Pressekonferenzen, Eröffnungen, gab zum 80. Geburtstag einzelnen Medien Interviews und Einblicke ins Atelier in Köln-Hahnwald.

Dresden, sein Geburtsort, besitzt im Albertinum einen Schatz an Richter-Werken und ist seit 2005 Sitz des Gerhard-Richter-Archivs.

Ema - Akt auf einer Treppe (1966) ist eines der bekanntesten Werke. Ema, Marianne Eufinger, war Richters erste Frau. Die zweite Ehe schloss er 1982 mit Künstlerin Isa Genzken (Scheidung 1993).

documenta 12: „Betty“.

Fotografien, deren scheinbare Objektivität, fordern Richter heraus. Wie kann Malerei ihnen standhalten, etwas entgegensetzen, selbst Wirklichkeit abbilden? Darin liegt sein Antrieb. Er will, wie er sagt, die Aussagekraft von Bildern untersuchen, „Fotos mit anderen Mitteln“ machen.

Glasfenster - 11 500 auf 113 Quadratmetern - entwarf der Agnostiker, der glaubt, „dass da etwas ist, was größer ist als wir“, für das Südquerhaus im Kölner Dom.

Historienmaler ist Richter ebenfalls. In seiner Familie kreuzen sich Täter- und Opferbiografien. „Tante Marianne“ (1965) fiel der Euthanasie zum Opfer, sein erster Schwiegervater war an Zwangssterilisierungen beteiligt.

Internet: www.gerhard-richter.com gibt einen wunderbaren Überblick.

Jung wirkt Richter, der mit Atelierleiterin und Assistenten unermüdlich elf Stunden täglich arbeitet und ein später Vater ist: Mit seiner dritten Frau Julia Moritz (seit 1995) hat er die Kinder Moritz (17), Ella (16) und Theo (6).

Klorolle: Banale Motive hat er für den „Kapitalistischen Realismus“ gemalt, den er mit Sigmar Polke und Konrad Lueg ausrief. Generell aber verschloss sich Richter Festlegungen, Bewegungen, Trends sowie allen „Ideen“.

Lipsiusbau in Dresden - dort ist der „Atlas“, das auf der documenta X gezeigte, immer weiter wachsende Archiv aus 15 000 Fotos, Skizzen, Zeitungsausschnitten und Entwürfen, zu sehen: 783 Tafeln - „zum Wegwerfen zu schade, zum Verkaufen nicht gut genug“.

Malerfürst wie Markus Lüpertz ist der ehemalige Düsseldorfer Professor nicht. Die eigene Preisentwicklung findet er „unverständlich, albern, unangenehm“.

Nationalgalerie Berlin, von „4900 Farben“ auf 196 Tafeln wie ein Schmuckband umwunden: Die Schau „Panorama“ ist bald das Mekka für Richter-Fans.

Optionen hat sich Richter stets offengelassen: „Ich verfolge keine Absichten, kein System, keine Richtung, ich habe kein Programm, keinen Stil, kein Anliegen.“

Gerhard Richter 1966.

Perfektion, Präzision zeichnen die hohe Könnerschaft aus. Skepsis, Angst, Unzufriedenheit lassen ihn überarbeiten, verändern, verwerfen. In den 60ern zerstörte er 60 Werke, die ihm nicht gefielen. Schätzwert heute: 180 Mio. Euro. Wenn er nicht vorankommt, baut er Regale: „Da fühle ich mich sicher.“

Quelle der 3000 Werke des Praemium-Imperiale- und Venedig-Bienna- le-Preisträgers ist alles, was ihn irgendwie berührt hat. „Alles sehen, nichts begreifen“, so das Prinzip. „Bilder, die deutbar sind und Sinn enthalten, sind schlechte Bilder.“

Rakel, ein Brett mit Griff als Abstreicher, benutzt Richter, um Farbe hin und her zu schieben. Abstrakte Gemälde entstehen, Schicht für Schicht, durch stetiges Mischen, Schlieren ziehen, Abkratzen, Übermalen.

Stillosigkeit als Stilprinzip - auf diese Formel hat die Kritik Richters Vielseitigkeit gebracht. Hochgehalten hat er jedoch immer die Position des traditionellen Malers.

Terrorismus: Sein Gemäldezyklus „18. Oktober 1977“ nach Polizei- und Pressefotos der RAF-Toten von Stammheim, Kommentar zu Trauer, Tod und Abschied von Ideologie, zählt zu seinen umstrittensten Werken. Auch zum 11. September 2001 hat Richter ein Gemälde geschaffen.

Unschärfe ist prägend für Richter. Die Verwischungen entsprechen unserer trügerischen Sicherheit in einer undurchschaubaren Welt, der die Gewissheiten abhanden gekommen sind. Unschärfe „ist Ausdruck einer begrenzten Erkenntnisfähigkeit“, sagt sein Biograf Dietmar Elger. Wirklichkeit, sagt Richter, hat stets zu tun „mit Unschärfe, Unsicherheit, Flüchtigkeit, Teilweisigkeit oder was auch immer“.

Vanitas-Motive wie brennende Kerzen mit Totenköpfen zählen zu den erfolgreichsten Werken. 2011 wurde eine „Kerze“ für über 12 Mio. Euro verkauft.

Wandmalereien für Propaganda folgten dem Abschluss an der Dresdner Hochschule für bildende Künste. 1961 floh Richter aus der DDR, auch weil ihn die documenta 1959 beeindruckte. Sein erstes Bild verkaufte er 1964 für 450 DM.

X-fach haben Sammler die Preise in die Höhe getrieben. Ein „Abstraktes Bild“ erzielte 12 Mio. Euro.

Yellow Press: Polizeireportagen und Werbung entstammen die abgemalten Fotos der 60er. Der Schüler des Informel-Künstlers Karl Otto Götz bildete soziale Realität ab.

Zufall ist - über Kalkül und Kontrolle - wichtigstes Element im Werk des Kölner Ehrenbürgers - wie bei der Kombination der 72 Farben der Domfenster. Zufall schafft Distanz, Neutralität, Objektivität.

Von Mark-Christian von Busse

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