Lorenzo Fioroni sieht Wagners große Oper mit dem lachenden und weinenden Auge eines Clowns

Die Meister sind verrückt

Auch die Meister Veit Pogner (Mario Klein, links) und Hans Sachs (Wolfgang Brendel) huldigen der Poesie der Clowns.

Kassel. Die Grundsteinlegung ist vorbei. Aus den Ruinen einer Theaterarena soll etwas Neues wachsen. Die Honoratioren haben sich im Blitzlichtgewitter gefeiert. Doch nun nimmt eine andere Gesellschaft die Baustelle in Beschlag.

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Es sind alte Menschen, sie kennen den Ort von früher. Eifrig suchen sie nach Zeugnissen einer vergangenen Zeit - und werden fündig: Jonglierkegel, ein Schminktisch, ein paar Theatersessel, eine alte Fahne. So beginnt in Lorenzo Fioronis Kasseler Inszenierung Wagners Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“. Die Meister selbst erscheinen mit Gitarrenkoffern - ein Zupforchester, das sich zur „Singschul“ trifft.

Warum nur tun sie es heimlich, was treibt sie in den Untergrund? Bei Fioroni sind die Meister im Wortsinne verrückt. Der Regisseur hat sie aus der Mitte der Gesellschaft an deren Rand gerückt. Sie praktizieren eine seltsame Kunst, über die die Zeit hinweggegangen ist - sie sind Clowns.

Sie wähnen sich als Utopisten, doch sie sind Nostalgiker. Das Wettsingen als großes Volksfest bleibt eine Fantasmagorie des Schusterpoeten Hans Sachs. Allerdings eine aufwändig inszenierte (Bühne: Paul Zoller, Kostüme: Katharina Gault): Während Stolzing sein Preislied singt, verwandelt sich die gesamte angereiste Gesellschaft in eine Welt von Clowns.

Kurzkritik

Wie war’s?
Ein toller Opernabend

Das ist ein wunderbares Bild - aber es geht nicht auf. Die Idee der Transformation eines Gemeinwesens durch Kunst, die Wagner in den „Meistersingern“ entwirft, zielt in die Mitte der Gesellschaft. Der Clown aber ist eine traurig-lustige Randfigur, die dem Normalbürger den Spiegel vorhält. Gleichwohl sind diese „Meistersinger“ großartig inszeniert.

Denn Fioroni hat einen genauen Blick für die großen und kleinen Gefühle in der scheinbar banalen Alltagswelt. Wie Wolfgang Brendel als alternder Witwer Hans Sachs und Sara Eterno als kecke, hochemotionale Eva die Eventualitäten einer Mai-September-Beziehung singend und schauspielerisch ausloten - so neckisch, melancholisch und intensiv - das ist große Kunst.

Wie dann Eva sich vom keineswegs weisen, sondern im Inneren erschütterten Sachs losreißen muss, und wie Sachs mit den beiden jungen Paaren im großen Quintett in eine Traumwelt gleitet - solche Opernmomente berühren. Das richtige Leben: So, wie Diskretes hinter Fenstern in der Wohnanlage geschieht, aber auch wie Beckmesser (Espen Fegran) Opfer einer Gewaltorgie auf dem Vorplatz wird: Alles wirkt stimmig.

Geradezu genial der Regieeinfall, Sachs und Stolzing (Erin Caves) nach dem Prügelabend in der Ausnüchterungszelle erwachen - und dort das Preislied aus Stolzings Traumerzählung sich entwickeln zu lassen.

Der lockere Ton

So stimmig die szenische Interaktion gelingt, so locker und pointiert versieht Generalmusikdirektor Patrik Ringborg die „Meistersinger“ über weite Strecken mit einem feinen Konversationston. Keine Schwere, kein zäher Fluss behindert das reaktionsschnelle, dynamisch die Sänger auf Händen tragende Musizieren. Dass Ringborg sich auch auf die elegischen Töne und, wo’s sein muss, aufs Lärmen versteht, zeigen das Vorspiel zum dritten Akt und Sachsens Schusterlied.

Dass man als Schuster den grandiosen Wolfgang Brendel engagierte, beschert Kassel einen Sachs, um den man derzeit in Bayreuth froh wäre. Auch wenn im Schlussmonolog die Anstrengung hörbar war: Brendel sang die Partie so kraftvoll fließend, nuancenreich und Menschlichkeit verströmend, wie man sich das wünschen mag.

Welch komplexer Charakter sein Gegenspieler Sixtus Beckmesser in Wahrheit ist, zeigte Espen Fegran in seiner stimmlich wie darstellerisch äußerst facettenreichen und punktgenauen Verkörperung - bis zu Beckmessers physischer wie psychischer Zerstörung. Gar nicht brav, als liebenswerte Verbindung von Keckheit und Gutherzigkeit, zeichnet Sara Eterno - stimmlich jederzeit souverän - die Eva.

Glamourhafte Züge im Stile eines Leonardo DiCaprio trägt Erin Caves’ Verkörperung des Stolzing. Gesanglich im Lauf des Abends immer stärker werdend und nur gelegentlich etwas eng in der Höhe. Stimmlich souverän betont Johannes An als David dessen aggressive Charakterzüge.

Lona Culmer-Schellbach verleiht der beflissenen Magdalene dagegen eher weiche Töne Hilflos freundlich - trotz sonoren Basses - zeichnet Mario Klein den Veit Pogner, während Tobias Schabel dem Fritz Kothner mit Bassgewalt starkes Gewicht verleiht. Klangschön und reaktionssicher agieren (teils in kleinen Gruppen) die versammelten Chöre.

Am Ende des sechsstündigen (ausverkauften) Abends war der Beifall groß. In die vielen Bravos mischten sich nur wenige Buhs für die Regie.

Wieder am 20.2., 14., 28.3., Karten: 0561/1094-222.

Von Werner Fritsch

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