Bon Iver beglückt die Pop-Welt mit rätselhaftem Indie-Folk

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Seine Lieder funktionieren auch im Sommer: Bon Iver nennt sich der US-Musiker Justin Vernon (30), weil er einst TV-Serien schaute, in denen sich die Einwohner Alaskas einen schönen Winter wünschten - „bon hiver“.

Im Winter vor vier Jahren war der Mann, der gerade das bezauberndste Pop-Album dieses Sommers herausgebracht hat, am Ende. Justin Vernons Beziehung mit seiner Freundin war in die Brüche gegangen und seine Band hatte sich aufgelöst.

Der US-Amerikaner trank zu viel, wurde dick und fühlte sich schlapp. Irgendwann diagnostizierten Mediziner Pfeiffersches Drüsenfieber, und als Vernon all die Arztrechnungen bezahlt hatte, war er pleite.

Der Mann aus Wisconsin fragte seinen Vater, ob er eine Zeit lang in dessen Jagdhütte wohnen könne. Dort im Wald schaute er auf dem Laptop DVDs, verschlief komplette Tage und wachte morgens um sechs auf, weil das Feuer ausgegangen war. Um neues Holz zu holen, musste er raus in die eisige Kälte des Mittleren Westens. Irgendwann nahm er aus Frust über seine enttäuschte Liebe traurige Lieder auf der Gitarre auf. Daraus entstand unter dem Namen Bon Iver das Album „For Emma, Forever Ago“, das die Kritiker verzückte und Vernon auch in Europa bekannt machte.

So geht die Geschichte des bärtigen Indie-Folk-Musikers, der mittlerweile 30 ist, immer noch in seinem Geburtsort, der Kleinstadt Eau Claire, lebt, und trotzdem einer der hippsten Pop-Musiker ist. Mit dem selbstbetitelten Nachfolgealbum „Bon Iver“ hat „die Heulsuse aus dem Mittleren Westen“, wie ihn ein Journalist nannte, ein Meisterwerk aufgenommen, das die Grenzen des Singer/Songwriter-Genres sprengt.

Arbeit mit Kanye West

Neben Gitarren treten Bläser, Synthesizer und Computergefrickel. Die zehn Songs klingen, als hätten Neil Young, Coldplay und Stevie Wonder ein gemeinsames Album aufgenommen. Einmal ertönt sogar ein Heavy-Metal-Schlagzeug.

Worum es in den nun etwas lebensbejahenderen Liedern geht, bleibt unklar. Vernon singt im hohen Falsett Texte, die keiner versteht. Manchmal jagt er seine Stimme durch die Software Autotune, um sie noch höher klingen zu lassen. Auch die Titel, die nach Orten wie Perth und Calgary benannt sind, können bei der Interpretation nicht weiterhelfen. Sie sollen, so Vernon, die Fantasie anregen.

Seiner rätselhaften Kunst kann sich nicht einmal ein HipHop-Superstar wie Kanye West entziehen. Der US-Rapper sampelte erst Vernons Lied „Woods“ und ließ ihn dann nach Hawaii fliegen, wo er zwei Songs seines Albums „My Beautiful Dark Twisted Fantasy“ verfeinerte.

Die warme Pazifikinsel war nicht Vernons Welt. Der Pop-Sonderling, der mittlerweile mit einer Country-Sängerin zusammen ist, lebt weiterhin in der kalten Provinz von Wisconsin. Die Grenzen des Bundesstaates, dessen Einwohner Käseköpfe genannt werden, hat er sich auf die Brust tätowieren lassen.

Bon Iver: Bon Iver (4AD/Beggars). Wertung: ***** (von fünf)

Von Matthias Lohr

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