Das neue Centre Pompidou in Metz soll als Wahrzeichen der Region 300 000 Besucher im Jahr locken

Meisterwerke unterm Chinahut

Ein schützendes Dach: Architekt Shigeru Ban hat das Centre Pompidou in Metz (Lothringen) entworfen. Foto: picture-alliance

Metz. Fast immer, wenn ein neues Museum eröffnet, wird überlegt, ob der Bilbao-Effekt eintreten könnte. In dem nordspanischen Ort hat das Kunstmuseum des Architekten Frank O. Gehry für Furore gesorgt. Im lothringischen Metz wird er gleich von vornherein eingefordert. Der Grund ist ein Superlativ: die Sammlung des Musée national d’art moderne, der mit 60 000 Werken moderner und zeitgenössischer Kunst größten in Europa. Ihr Heimathaus, das Pariser Centre Pompidou, hat eine Filiale eröffnet. Der Gang in die Provinz ist die erste Dezentralisierung einer nationalen Kultureinrichtung in Frankreich. Der Louvre wird in einigen Jahren folgen - in den Norden nach Lens.

Einen Publikumsmagneten wie das 1977 von Renzo Piano und Richard Rogers errichtete Pariser Kunst-Kraftwerk verspricht man sich auch in Metz. Man rechnet mit mindestens 300 000 Besuchern pro Jahr. Einen Schock wie das Pariser Haus wird das Centre Pompidou in Metz aber kaum auslösen. Der Japaner Shigeru Ban, keiner der weltweit agierenden Promi-Architekten, legt im Gegensatz zu seinen Vorgängern, die ihr Gebäude radikal öffneten, eine schützende Haut in Form eines sich ausladend wölbenden, 8000 Quadratmeter umfassenden Daches über sein Haus.

Ein chinesischer Hut diente Ban als Inspiration für die von einer wasserdichten Membran aus Glasfaser und Teflon beschichteten Holz-Konstruktion. Sie dehnt sich von wenigen Stützpfeilern bis zur 77 Meter hohen Spitze aus. Das überhängende Dach schützt das Haus vor extremen klimatischen Einflüssen und garantiert einen geringen Energiebedarf.

Hier entfaltet Ban, dessen japanischer Pavillon auf der Expo in Hannover für Aufsehen gesorgt hatte, seine Stärken. Der Architekt gilt als Experte für die Verwendung von so genannten armen Werkstoffen wie Pappe oder eben Holz. Umweltschutz und Nachhaltigkeit gelten ihm mehr als gebautes Spektakel.

Das eigentliche Haus erscheint weniger inspiriert und innovativ. Der Eingangsbereich mit gerasterten Frontscheiben verströmt den Charme einer temporären Messehallen-Architektur. Über dem Ausstellungstrakt im Parterre, dessen Höhe bis auf 18 Meter ansteigt, stapeln sich drei sich kreuzende Kunstcontainer aus Beton, die mit einem gläsernen Aufzug angesteuert werden. Große Panoramafenster eröffnen Blicke auf die Umgebung in ummittelbarer Nähe des TGV-Bahnhofs und auf die Altstadt mit der Kathedrale.

Kultur soll es richten, soll in einer Region, die noch unter den Folgen des Niedergangs der Kohle- und Stahlindustrie leidet, für Aufschwung sorgen: eine mutige Investition.

Von Ulrich Traub

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