Welf Kerner und Bülent Can traten in der Ekstase-Bar auf

Melancholie am verruchten Ort

Saiten-Virtuose: Bülent Can. Foto: Fischer

KASSEL. „Flüchtiger als Wind und Welle flieht die Zeit; was hält sie auf?“ Eine gute Frage hat der Dichter Johann Gottfried Herder (1744-1803) in seinem Lied des Lebens gestellt. In der gut gefüllten Ekstase-Bar eröffneten Welf Kerner und Bülent Can damit einen Liederabend, der wunderbar in das schummrig-nostalgische Ambiente passte.

Das gedankenvolle Gedicht wurde zum molldunklen Chanson im Fünfvierteltakt. Welf Kerner sang es mit rauer Bardenstimme und swingte am Akkordeon, während Bülent Can eine selbst gebaute Langhalslaute Baglama dabeihatte und beim Solo mächtig über die Saiten flitzte.

Erstaunlich gut funktionierte diese Melange aus der Klassik Herders, dem melancholischen Chanson-Ton und der türkischen Saiten-Virtuosität. Das galt auch für das übrige Programm „Die Zeit ist reif“ der beiden Kasseler Musiker.

Nicht alle Tage hört man einen Nietzsche-Aphorismus mit atmosphärischer orientalischer Begleitung. Oder die Gedanken über die Zeit des Barocklyrikers Paul Fleming als Rap. Mehrmals zu Wort kam Erdbeermund-Liebhaber François Villon. Außerdem gab’s ein Lied über Kassel, das „ahle Nest, in dem es sich gut leben lässt“.

Dabei hätte der Abend gewiss auch in Berlin stattfinden können: ein leicht verruchtes Etablissement, oft dunkle Töne, ein frischer Schuss Multikulti. So war es eine herzlich aufgenommene Veranstaltung der Reihe „Milieustudien“: Der Verein Labor Ost um die Tänzerinnen Mirjam Henß und Birgit Kaiser erweckt den früheren Tempel des Nachtlebens aus dem Dornröschenschlaf.

Von Georg Pepl

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