Andreas Döring inszeniert am Jungen Theater Göttingen Schillers Sturm-und-Drang-Drama „Die Räuber“

Der Mensch watet im Morast

Weltschmerz und Weltverachtung: Franz Moor (Pascal Goffin, neu im Ensemble) verbeißt sich in Amalia (Henrike Richters). Foto: Eulig

Göttingen. Friedrich Schillers adeliger Patriarch Graf Maximilian von Moor ist in der am Donnerstagabend mit viel Beifall aufgenommenen „Räuber“-Inszenierung von Andreas Döring am Jungen Theater ein Manager, der sich im Büro auslässt über Eliten und die Last für Leistungsträger, Hartz IV und Sozialneid.

Das gibt den Ton vor für die knapp zweistündige Aufführung, für die der Intendant Schillers Stück entschlackt und auf einen bitteren Kern gebracht hat: Der Mensch ist des Menschen Wolf, und gerade in der Familie beißt er zu.

Karl (Dirk Böther), mit wilder Mähne und so schnell sprechend, dass er nicht immer gut zu verstehen ist, ist der vom Vater (Jan Reinartz) geliebte, aber verlorene Sohn, der das väterliche Vermögen durchbringt - was sind „ein paar lausige Millionen“ - und der sich zum Räuberhauptmann erhebt. Franz (Pascal Goffin) ist nur scheinbar der Brave. Er hat es genauso aufs Erbe abgesehen - und geht noch perfider, noch zynischer zu Werke.

Beide begehren Amalia (Henrike Richters). Franz verbeißt sich in sie, bis Blut fließt - die intensivste Szene: Auch die Liebe ist ein Schlachtfeld. Hilflos sieht die Mutter zu (wandlungsfähig: Agnes Giese), wie sich Gier, Vergeltung und der Wunsch nach Glückseligkeit ungehemmt Bahn brechen.

Weltekel, Weltschmerz, Auflehnung gegen „abgeschmackte Konventionen“ - gerade weil in der Neubearbeitung des wüsten Sturm-und-Drang-Dramas die Botschaften per SMS und Videoclip übermittelt werden, hat es uns mit seinem Willen zu höchster Individualität und Subjektivität viel zu sagen: durch die Wucht, mit der sich die Moor-Brüder Prometheus gleich gegen Gott und Gesetze erheben, sich mutig aus dem „Morast“ ziehen wollen, aus dem die Menschen stammen, in dem sie waten, um sich selbst neu zu erfinden: „Wozu ich mich machen will, das ist allein meine Sache.“

„Alles ausrotten, was mich einschränkt“, „Rache ist mein Gewerbe“ - ob die Räuber, die plündern und brandschatzen, lautere Sozialrevolutionäre oder Terroristen sind, mag jeder für sich entscheiden.

Die Unterwelt, in der Karl und sein Kompagnon Spiegelberg (Thomas Hof) am Ende mit abgerissener Kleidung und struppigen Bärten wie Obdachlose vegetieren, liegt unter dem Bühnenboden - projiziert auf den Hintergrund der einfach ausgestatteten Bühne: ein geschickter Schachzug (Bühne: Axel Theune; Kostüme: Sonja Elena Schroeder).

„Es war eine allgemeine Auflösung, wie im Chaos, aus dessen Nebel eine neue Schöpfung hervorbricht“, berichtete ein Augenzeuge über die Mannheimer Uraufführung 1782, als es „rollende Augen, geballte Fäuste, heisere Aufschreie“ gab. Wenngleich weder die Reaktionen in Göttingen so extrem ausfielen noch das Theater neu erfunden wurde - nach dem Finanzchaos und der Unsicherheit der vergangenen Wochen wird am Jungen Theater wieder gespielt. Und das war vielleicht die beste Nachricht an diesem Premierenabend.

Wieder heute, 7., 10., 20., 21., 23., 24., 27. September, Karten: Tel. 0551-495 01 5, www.junges-theater.de

Von Mark-Christian von Busse

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