Der Mensch als würdeloses Vieh: Junges Theater Göttingen wird für „Woyzeck“ zur Laborküche  

Lassen sich als Narren vorführen: Die Mutter Marie (Verena Saake, von links), Sohn Christian (Felix Steinhardt) und der Vater Franz Woyzeck (Dirk Böther). Foto: Eulig/nh

Göttingen. Der Mensch stammt vom Vieh ab, ist nicht mehr als ein von Gott erschaffenes Arbeitstier und zerbricht an fehlenden Zukunftsperspektiven: Regisseur, Ausstatter und Bühnenbildner Alexander Krebs hat das Junge Theater Göttingen für Georg Büchners „Woyzeck“ in eine große, beklemmende Versuchsküche verwandelt.

In ihr spielen eine schrullig-besessene Ärztin (Agnes Giese), ein angsteinflößender Hauptmann (Jan Reinarzt) und ein attraktiver Tambourmajor (Pascal Goffin) wie Tyrannen mit der Psyche des etwas zu lustlos verkörperten Franz Woyzeck (Dirk Bö-ther), seiner enorm körperbeherrschten und ausdrucksstarken Frau Marie (Verena Saake) und dem gemeinsamen Kind Christian (kraftvoll: Felix Steinhardt).

Sie erniedrigen die drei viehischen Kreaturen in fleckigen Shirts und fingerlosen Handschuhen, die das Anziehen, Rasieren und Arbeiten erst noch von ihren Herren lernen müssen. Teils von den Zuschauerrängen aus, teils auf der Bühne selbst, immer gespickt mit Hinweisen zu dem medizinischen Hintergrund des Menschenexperiments.

Dazu stülpen sie der Familie Getreidesäcke über den Körper, lassen die drei gleich mehrfach eine Choreografie vorführen, drillen sie, setzen ihnen Clownsnasen auf. Und belohnen die Versuchskaninchen mit Eurostücken, die für Geld alles zu tun scheinen und selbst sinnlose Arbeiten wie das Einsammeln von zuvor ausgestreutem Korn ohne Widerworte verrichten.

Abgestoßen und gleichzeitig fasziniert wird der Zuschauer in die Rolle eines Voyeurs gedrängt. Er muss mit ansehen, wie die Familie aus der Unterschicht aus Geldnot alles tun muss, auf alle Viere gezwungen wird, bevor sich über ihnen ein Drahtgestell senkt. Der letzte Rest der Würde geht verloren, als sie wie in einer Futterbox für Schweine aus einer Rinne laut schmatzend Erbsen fressen müssen. Immer wieder.

Das Wasserlassen am Bühnenrand wird genauso protokolliert wie der Zerfall ihrer Körper durch Mangelernährung. Einzig der Tambourmajor, der sich Marie Woyzeck annähert, scheint zu Gefühlen fähig in dieser beängstigendguten Szenerie, die durch das Spiel mit weißen Scheinwerfern stimmig untermalt wird. Nervtötendes Ticken im Takt eines pochenden Herzens verdeutlicht Rastlosigkeit und die prekäre, aussichtslose Lage der drei Vorgeführten.

Marie kann den Schmeicheleien des Tambourmajors nicht widerstehen, gibt sich ihm hin. Ein durch künstliche Längen etwas zu quälender psychischer Zersetzungsprozess beginnt für Franz Woyzeck.

An dessen Ende bestimmt die Schmach des Betruges sein Denken. Um seinem trostlosen Leben zu entgehen, nimmt er Marie mit in den Tod. Eine fesselnde Inszenierung über die Grenzen menschlicher Leidensfähigkeit. Erst zögerlicher, dann kräftiger Applaus. Nächste Termine am 2. und 5. April. Karten unter Tel. 0551/495 015.

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