Siegfried Lenz, einer der beliebtesten deutschen Schriftsteller, wird heute 85 Jahre alt

Menschen auf Bewährung

Siggi Jepsen war eine Romanfigur, an der sich die Geister schieden. In Siegfried Lenz’ Roman „Deutschstunde“ muss Jepsen, Insasse einer Besserungsanstalt, einen Aufsatz über „Freuden der Pflicht“ schreiben“. Die Erinnerung führt ihn ins Jahr 1943, als sein Polizistenvater aus falsch verstandenem Pflichtgefühl das von den Nazis verhängte Malverbot gegenüber einem Künstler durchdrückt, während er, der Ich-Erzähler Siggi, sich mit dem Maler anfreundet.

Heute ist kaum mehr nachvollziehbar, wie heftig dieses Buch 1968 bei seinem Erscheinen einschlug. Als mutige Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus wurde es wahrgenommen, ein Text, der als Schullektüre nur oberen Gymnasialklassen zumutbar sei. 700 000-mal wurde die „Deutschstunde“ verkauft, sie machte den Autor zur wichtigsten literarischen Figur des Landes neben Heinrich Böll und Günter Grass. Heute wird er 85 Jahre alt

Dass Lenz sich, wie seine prominenten Kollegen, damals für die SPD und Willy Brandt einsetzte, hat ihn auch auf der politischen Bühne Deutschlands zu einem Motor des Wandels gemacht. Anders als Grass war Lenz jedoch immer ein Mann der leisen Töne. Seine Skrupelhaftigkeit ist auch ein durchgängiges Merkmal seiner Literatur, die nicht auf den Effekt setzt, sondern immer wieder Menschen in Bewährungssituationen schildert.

Seine ostpreußische Herkunft mag zu dem bedächtigen Stil beigetragen haben, der Lenz bis heute auszeichnet. Interessant, dass er sich ausgerechnet in seinen Geschichten aus Masuren „So zärtlich war Suleyken“ (1955) als begnadeter Humorist erweist - bei einem Thema, dem sich viele seiner ostpreußischen Landsleute seinerzeit nur mit Verbitterung nähern konnten.

Immer wieder versuchte Lenz, dessen Erstling „Es waren Habichte in der Luft“ (1951) bereits ein Erfolg war, mit großen Romanen an den Erfolg der „Deutschstunde“ anzuknüpfen. Doch Bücher wie „Heimatmuseum“ (1978), „Der Verlust“ (1981), „Exerzierplatz“ (1985) und „Die Klangprobe“ (1990) fanden zwar stets eine treue Leserschaft. Doch der Kritik erschienen seine Themen nicht aktuell genug und seine langsame Erzählweise zu betulich.

Ist Lenz also doch eher ein Meister der kleinen Form, dessen Kunst in Erzählbänden wie „Ludmilla“ (1996) und den melancholischen Betrachtungen im Essayband „Über den Schmerz“ (1998) am besten zur Geltung kommt?

Überraschenderweise erlebte Lenz mit seinem 2008 erschienenen Roman „Schweigeminute“, der Liebesgeschichte eines 18-jährigen Schülers mit seiner Englischlehrerin, einen späten literarischen Erfolg. Auffällig war hier der „Enkeleffekt“, denn Lenz erreichte mit der „Schweigeminute“ nicht nur seine ältere Stammleserschaft, sondern erschloss sich ein junges Lesepublikum.

„Younger than ever!“ (Jünger denn je), dieser Satz aus „Dinner for one“ gilt also auch für den jetzt 85-jährigen Autor Siegfried Lenz.

Von Werner Fritsch

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.