Blutende Herzen: „Teotihuacan“ - Berlin widmet Mexikos geheimnisvoller Pyramidenstadt eine Ausstellung

Wo Menschen Götter werden

Furchteinflößend: Der Jaguar von Xalla (350-652 n. Chr). Foto: Martirene Alcántara/ nh

Berlin. Im 14. Jahrhundert entdeckten die Azteken in Zentralmexiko ein uralte, verlassene Stadt, die sie beeindruckte. Denn ihre Bauwerke waren so großartig, dass sie nach Einschätzung der Entdecker unmöglich von Menschenhand geschaffen worden sein konnten. Die Azteken gaben ihr den Namen „Teotihuacan - der Ort, an dem die Menschen zu Göttern werden“. Hier siedelten sie ihren Schöpfungsmythos an: An dieser Stätte haben die Götter die gegenwärtige Welt geschaffen.

Eine eindrucksvolle Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau stellt uns die geheimnisvolle Pyramidenstadt vor. Teotihuacan war von etwa 100 vor Christus bis zum Untergang um 650 nach Christus die erste, größte und einflussreichste Metropole auf dem amerikanischen Kontinent. Über 450 Objekte geben erstmals in Europa einen umfassenden Einblick in Kunst, Alltag und Religion dieser rätselhaften Kultur, deren Hinterlassenschaft erst zu fünf Prozent ausgegraben worden ist.

Zu den Merkwürdigkeiten aus Ton gehören Gefäße in Form sitzender Männer, zudem so genannte „Wirtsfiguren“, die in ihrem Inneren mehrere kleine menschliche Gestalten beherbergen, sowie Puppen mit beweglichen Gliedern. In großer Zahl treten Masken in Ton oder Stein auf.

Der 45 Kilometer vom heutigen Mexiko-Stadt entfernt gelegene Stadtstaat hatte rund 100 000 Einwohner. Über die Herrscher ist nichts bekannt. Als deren Sitz wird jedoch der 20 Gebäude umfassende Palastkomplex von Xalla angenommen. Aus ihm stammt das Prunkstück der Schau: Ein Fries (350-650 n. Chr.), dessen zwölf bemalte Reliefsteine sich zu einem Jaguar mit gebleckten Zähnen fügen. Der Jaguar wird als Symbol der Macht, des Krieges und der Fruchtbarkeit gedeutet.

Gefunden wurde der Jaguar-Fries im Tempel des Tláloc, der vermutlichen Schutzgottheit des Staates. Tláloc, der Gott des Sturms und des Regens, begegnet uns wiederholt auf den 15 großartigen Fragmenten von Wandgemälden (350-550 n. Chr.), die erstmals - und wohl nicht wieder - Mexiko verlassen durften. Auf einem der Bilder trägt der menschenähnliche Gott, den überdimensionale runde „Brillenaugen“ und Reißzähne kennzeichnen, einen Korb mit Maiskolben in Gelb, Blau und Rosa auf dem Rücken, während ihm ein grünes Spruchband vorausflattert. Die Fragmente eines anderen Wandgemäldes stellen uns den zweiten staatstragenden Gott vor: Quetzalcoatl. Der als Klapperschlange mit den Federn des Vogels Quetzal auftretende Gott der Fruchtbarkeit kriecht über blühende Sträucher, während er Wasser speit.

Am meisten aber faszinieren und erschrecken Objekte, die im Zusammenhang mit kultischen Menschenopfern stehen. Höhepunkt des Rituals, dem vermutlich Kriegsgefangene zum Opfer fielen, war die Zurschaustellung ihres blutenden Herzens auf der gekrümmten Spitze eines Messers aus Obsidian. Mit diesen Bluttaten sollte die Fortdauer der Weltordnung sichergestellt werden. Das Dekor eines Gefäßes (200-650 n. Chr.) besteht aus blutenden Herzen auf Messerspitzen. Zu den weiteren Stücken aus den Opfergräbern in der Mondpyramide und im Tempel der Gefiederten Schlange gehört eine menschliche Statuette (ca. 250 n. Chr.).

Die dominierende Stellung Teotihuacans ging im 7. Jahrhundert zu Ende. Weite Teile der Metropole wurden durch Feuer zerstört. Die Gründe sind unklar. Möglicherweise fiel die Stadt einer Invasion oder einem inneren Aufruhr zum Opfer.

Bis 10.10., Martin-Gropius-Bau. Tel.: 030-254860, www.gropiusbau.de Der Katalog kostet im Museum 35 Euro.

Von Veit-Mario Thiede

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